Kurz gesagt: Ein B2-Zertifikat bescheinigt, dass jemand sich im Alltag sicher verständigen und die Hauptinhalte auch fachlicher Gespräche verstehen kann. Der Stationsalltag verlangt mehr: Fachwörter, Abkürzungen, feste Formulierungen und den schnellen Wechsel zwischen Patientengespräch, Übergabe und Dokumentation. Sprachforschung beschreibt das als unterschiedliche Register. Wer sie gezielt übt, schließt die Lücke zwischen „kann Deutsch“ und „kann auf Station Deutsch“.

„Ich habe B2 bestanden, mit gutem Ergebnis“, sagt die neue Kollegin. Im Gespräch mit der Patientin über ihre Enkel klappt alles. Dann kommt die Übergabe: „Die Vierzehn ist post-OP, Drainage fördert wenig, Mobi heute nur an die Bettkante.“ Und plötzlich versteht sie die Hälfte. Die Szene ist erfunden, aber sie beschreibt genau das, was in Studien immer wieder auftaucht.

Im Beitrag über den Weg in die deutsche Pflege haben wir von drei Toren gesprochen: Anerkennung, Sprachnachweis und Fachsprache. Heute geht es um das dritte Tor. Warum ist die Sprache der Station fast eine eigene Sprache?

Was bescheinigt ein B2-Zertifikat eigentlich?

Der Gemeinsame Europäische Referenzrahmen (GER) beschreibt B2 so: Wer B2 erreicht, kann die Hauptinhalte komplexer Texte verstehen, auch Fachdiskussionen im eigenen Spezialgebiet. Er oder sie kann sich so spontan und fließend verständigen, dass ein normales Gespräch mit Muttersprachlern ohne größere Anstrengung möglich ist (Council of Europe, 2001).

Das ist viel. Aber es lohnt sich, genau hinzusehen: Bei B2 geht es beim Fachlichen ums Verstehen der Hauptinhalte. Erst auf der Stufe C1 heißt es, dass man Sprache wirksam und flexibel auch für berufliche Zwecke einsetzen kann (Council of Europe, 2001). Auf Station reicht es selten, die Hauptinhalte zu verstehen. Es kommt auf das eine Wort an, das in der Übergabe fällt, und darauf, es selbst richtig zu sagen und aufzuschreiben.

Grafik: Die Stufen B1, B2 und C1 des Referenzrahmens, vereinfacht. B2: Hauptinhalte auch fachlicher Texte verstehen, sich spontan verständigen. C1: Sprache wirksam auch für berufliche Zwecke nutzen. Daneben ein Notizzettel: Was auf Station dazukommt – Übergabe, Telefon, Dokumentation, Kürzel.

Was unterscheidet Fachsprache von Alltagssprache?

Die Sprachwissenschaft unterscheidet mehrere Register, also Arten zu sprechen und zu schreiben, die zu bestimmten Situationen passen. Der Germanist Thorsten Roelcke fasst eine verbreitete Einteilung (nach Efing, 2014) so zusammen (Roelcke, 2020):

  • Allgemeinsprache wird in vertrauten Alltagssituationen gesprochen, ist stark vom Zusammenhang abhängig und fehlertolerant. Ein falscher Artikel stört kaum.
  • Fachsprache ist eher schriftlich geprägt, möglichst unabhängig vom Zusammenhang, komplex und fehlerintolerant. Sie hat einen eigenen Wortschatz und feste Muster.
  • Berufssprache liegt dazwischen. Sie mischt Elemente aller Register: Fachwörter neben Berufsjargon, dazu typische Text- und Gesprächsarten.

Roelcke betont, dass sich Fach- und Berufssprache nicht sauber trennen lassen. Berufliche Kommunikation greift auf mehrere Register zugleich zurück (Roelcke, 2020). Genau das ist auf Station der Fall.

Grafik: Drei Register auf Station. Alltagssprache (fehlertolerant), zum Beispiel im Gespräch mit dem Patienten. Berufssprache mit Jargon, zum Beispiel in der Übergabe. Fachsprache (fehlerintolerant), zum Beispiel in der Dokumentation. Nach Efing 2014 und Roelcke 2020.

Warum ist Pflegesprache besonders schwer?

Weil eine Pflegekraft ständig zwischen diesen Registern wechselt. Eine Studie aus Londoner Kliniken hat beobachtet, was international ausgebildete Pflegekräfte sprachlich leisten müssen: Informationen erfragen, beruhigen, anleiten, Meinungen äußern, widersprechen, und das jeweils passend zu Ärztinnen, Patienten und Angehörigen. Pflegekräfte müssen zwischen Alltags- und medizinischem Register übersetzen können. Dafür braucht es sozial-pragmatische Fähigkeiten, die der dort verlangte allgemeine Sprachtest (IELTS) größtenteils gar nicht prüft (Sedgwick & Garner, 2017).

Dazu kommen Abkürzungen, die selbst Fachleute nicht immer verstehen. In einer britischen Befragung sollten 46 Beschäftigte aus Pflege und Medizin 20 Abkürzungen aus echten Patientenakten erklären. Im Schnitt gelang das bei 32 Prozent. Drei Viertel der Abkürzungen hatten mindestens eine weitere mögliche Bedeutung (Jayatilake & Oyibo, 2023). Fachsprache ist also nicht nur für Zugewanderte neu. Sie wird auch von Muttersprachlern erst im Beruf gelernt, und vieles davon ist von Haus zu Haus verschieden.

Was zeigen Studien über migrierte Pflegekräfte?

Eine Beobachtungsstudie hat 13 im Ausland ausgebildete Pflegekräfte in einem australischen Krankenhaus zwölf Wochen lang begleitet. Ihre Gespräche mit Kolleginnen und Ärzten litten unter Zögern und fehlender Durchsetzungskraft. Small Talk und Lachen gab es mit Kolleginnen aus ähnlichen Kulturen, mit einheimischen Kolleginnen kaum. Das Forschungsteam betont aber auch: Schlechte Kommunikation ging nicht immer von den neuen Pflegekräften aus (Philip et al., 2019).

Für Deutschland ist die Forschungslage dünner. Eine Übersichtsarbeit fand unter 56 Studien zu Pflegemigration nur fünf aus Deutschland. In allen deutschen Studien spielt die Sprache eine zentrale Rolle, und das Gefühl der Ohnmacht wird vor allem auf unzureichende Sprachkenntnisse zurückgeführt. Die Autorinnen und Autoren empfehlen, Sprach- und Kommunikationsfähigkeiten für Alltags- und Arbeitssituationen systematisch aufzubauen (Smith et al., 2022). Eine Interviewstudie mit je 24 zugewanderten und einheimischen Pflegekräften in der ambulanten Pflege in Hamburg kam zu einem ähnlichen Schluss: Sprachunterschiede sind ein Hauptstressor im Team (Schilgen et al., 2019).

Eine kanadische Übersicht fasst zusammen, was daraus folgt: Eine weitere Sprache zu lernen ist ein langer Prozess in mehreren Etappen. Gute Programme vermitteln Fachsprache und die Gepflogenheiten beruflicher Kommunikation (Lum et al., 2015).

Was Sie tun können

Wenn Sie selbst gerade auf Station ankommen:

  1. Führen Sie ein Stationsheft mit drei Spalten: das Wort, wie es auf Station gesagt wird, und wie Sie es einem Patienten erklären würden.
  2. Lernen Sie jedes Nomen mit Artikel, auch Fachwörter: die Drainage, der Zugang, das Röhrchen.
  3. Schreiben Sie Abkürzungen aus Ihrer Übergabe auf und fragen Sie einmal nach, wie sie in Ihrem Haus gemeint sind.
  4. Hören Sie bewusst hin, wann Kolleginnen „du“ sagen und wann „Sie“, und wie sich ihr Ton gegenüber der Ärztin ändert.

Wenn Sie neue Kolleginnen einarbeiten:

  1. Sagen Sie einen Satz in der Übergabe ruhig zweimal, einmal im Jargon und einmal ausgeschrieben.
  2. Legen Sie eine Liste der hausüblichen Abkürzungen ins Stationszimmer.
  3. Loben Sie Nachfragen. Wer fragt, hat verstanden, worauf es ankommt.

Warum uns dieses Thema beschäftigt

Sprachkurse und Prüfungen bereiten auf das Allgemeindeutsch vor, und das ist gut so. Für die Sprache der Station gibt es dagegen erstaunlich wenig, das man allein, in kleinen Portionen und nach einer Schicht üben kann. Genau daran denken wir gerade: an eine Lernhilfe, die Fachwörter mit Artikel, Kürzel und die Sätze des Stationsalltags zusammenbringt. Sie entsteht gerade. Wie wir dabei mit den verschiedenen Registern umgehen wollen, erzählen wir in einem der nächsten Beiträge.

Häufige Fragen

Reicht B2 für die Arbeit in der Pflege? Für die Anerkennung wird meist B2 verlangt. Für den Stationsalltag braucht es zusätzlich Fachwortschatz, Abkürzungen und die Fähigkeit, zwischen Alltagssprache und Fachsprache zu wechseln. Das lernt man am besten gezielt und berufsbegleitend.

Was ist der Unterschied zwischen Fachsprache und Berufssprache? Fachsprache ist präzise, eher schriftlich und fehlerintolerant. Berufssprache mischt Fachwörter, Jargon und Alltagssprache, je nach Situation (Roelcke, 2020).

Ist C1 die Lösung? C1 beschreibt Sprache „für berufliche Zwecke“, aber auch C1 ist ein allgemeines Niveau. Den Wortschatz und die Gepflogenheiten einer bestimmten Station muss man in jedem Fall dazulernen.

Verstehen deutsche Pflegekräfte alle Abkürzungen? Nein. Studien zeigen, dass auch ausgebildete Fachleute viele Abkürzungen nicht sicher deuten können (Jayatilake & Oyibo, 2023).

Quellen

  • Council of Europe (2001). Common European Framework of Reference for Languages: Learning, Teaching, Assessment. Cambridge University Press, S. 24 (Globalskala). Gelesen im Abdruck bei Hawkins, J. A. & Filipović, L., Criterial Features in L2 English, Cambridge University Press: https://assets.cambridge.org/97805211/84779/excerpt/9780521184779_excerpt.pdf
  • Jayatilake, D. C. & Oyibo, S. O. (2023). Interpretation and misinterpretation of medical abbreviations found in patient medical records: A cross-sectional survey. Cureus, 15(9), e44735. https://doi.org/10.7759/cureus.44735
  • Lum, L., Dowedoff, P., Bradley, P., Kerekes, J. & Valeo, A. (2015). Challenges in oral communication for internationally educated nurses. Journal of Transcultural Nursing, 26(1), 83–91. https://doi.org/10.1177/1043659614524792
  • Philip, S., Woodward-Kron, R. & Manias, E. (2019). Overseas qualified nurses’ communication with other nurses and health professionals: An observational study. Journal of Clinical Nursing, 28(19–20), 3505–3521. https://doi.org/10.1111/jocn.14942
  • Roelcke, T. (2020). Berufssprache und Berufliche Kommunikation – eine konzeptionelle Klärung. Sprache im Beruf, 3(1), 3–17. https://doi.org/10.25162/sprib-2020-0001
  • Schilgen, B., Handtke, O., Nienhaus, A. & Mösko, M. (2019). Work-related barriers and resources of migrant and autochthonous homecare nurses in Germany: A qualitative comparative study. Applied Nursing Research, 46, 57–66. https://doi.org/10.1016/j.apnr.2019.02.008
  • Sedgwick, C. & Garner, M. (2017). How appropriate are the English language test requirements for non-UK-trained nurses? A qualitative study of spoken communication in UK hospitals. International Journal of Nursing Studies, 71, 50–59. https://doi.org/10.1016/j.ijnurstu.2017.03.002
  • Smith, J. B., Herinek, D., Woodward-Kron, R. & Ewers, M. (2022). Nurse migration in Australia, Germany, and the UK: A rapid evidence assessment of empirical research involving migrant nurses. Policy, Politics, & Nursing Practice, 23(3), 175–194. https://doi.org/10.1177/15271544221102964

Lernwunder-Redaktion · Chaolan Lu

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