Unsere nächste App ist gerade in Arbeit: TinuTime, eine App, mit der Kinder spielerisch die Uhr lesen lernen. Bevor wir auch nur einen Bildschirm entworfen haben, haben wir uns eine Frage gestellt, die Erwachsene gern übersehen: Warum ist Uhrlesen eigentlich so schwer?
Für uns ist es selbstverständlich – ein kurzer Blick, und wir wissen, wie spät es ist. Genau diese Selbstverständlichkeit macht uns blind für die vielen Teilkompetenzen, die ein Kind gleichzeitig beherrschen muss. Die Forschung zum Uhrlernen ist hier erstaunlich klar, und sie hat unseren Entwurf von Anfang an geprägt.
Eine Uhr, zwei völlig verschiedene Skalen
Die am besten dokumentierte Hürde ist das Doppelrepräsentations-Problem. Eine Analoguhr trägt zwei Zeiger auf zwei völlig verschiedenen Skalen: Der Stundenzeiger zählt von 1 bis 12. Der Minutenzeiger zählt von 0 bis 59 – aber das Zifferblatt zeigt nur die Zahlen 1 bis 12.
Wenn der Minutenzeiger auf die „3” zeigt, bedeutet das 15 Minuten, nicht 3. Ein Kind muss also lernen, dieselbe Zahl je nach Zeiger völlig unterschiedlich zu lesen. Das ist keine Kleinigkeit, sondern laut Forschung die zentrale Verwechslungsquelle überhaupt (Burny et al., 2009).
Die Hürden, die dazukommen
Sobald man genauer hinsieht, türmen sich weitere Schwierigkeiten:
- Zeiger verwechseln. Kinder lesen den Minutenzeiger als Stunde oder umgekehrt.
- Das „Zwischen-Stunden-Problem”. Um 3:45 steht der Stundenzeiger fast bei der 4. Viele Kinder lesen das als „4:45”, weil sie nicht erkennen, dass die volle Stunde noch nicht erreicht ist.
- Der Konflikt Basis 60 gegen Basis 10. Kinder erwarten, dass nach 1:59 die 1:60 kommt – schließlich rechnen sie sonst im Zehnersystem.
- Die Sprache. Gerade im Deutschen ist „halb vier” eine eigene Hürde: Es heißt 3:30, nicht 4:30. Der Zeiger ist auf halbem Weg zur Vier.
Was uns das für TinuTime gelehrt hat
Diese Analyse hat eine klare Konsequenz: Man darf einem Kind nicht „die Uhr” als Ganzes vorsetzen und auf das Beste hoffen. Jede dieser Hürden muss einzeln und in der richtigen Reihenfolge genommen werden.
Aus der Montessori-Pädagogik stammt dafür ein Begriff, der zu unserem Leitgedanken wurde: die Isolation der Schwierigkeit. Erst der Stundenzeiger allein. Dann, viel später, der Minutenzeiger. Dann beides zusammen. Jede Stufe baut genau eine neue Hürde ein, nie zwei auf einmal.
Wie aus diesem Prinzip ein konkreter Lernpfad in acht Stufen wurde – und warum die Analoguhr bei uns immer vor der Digitalanzeige kommt – erzähle ich im nächsten Beitrag.