Kurz gesagt: Internationale Pflegekräfte tragen inzwischen das gesamte Wachstum der Pflege in Deutschland. In den ersten Wochen treffen sie oft auf vier Hürden gleichzeitig: einen niedrigeren Status als im Herkunftsland, eine Stationssprache, die kein Sprachkurs vermittelt, eine anders organisierte Pflege und ein Team, zu dem sie erst gehören müssen. Studien zeigen, was hilft: eine feste Ansprechperson, eine geplante Einarbeitung, ein passender Einsatzort und gezielte Sprachförderung für den Stationsalltag.

Sechs Uhr, Frühdienst, Übergabe im Stationszimmer. Die Kollegin aus dem Nachtdienst spricht schnell, die Sätze sind kurz: „Zimmer zwölf, RR war nachts hoch, BZ um zehn, der Herr in der Vierzehn ist nüchtern.“ Alle nicken. Die neue Kollegin, die vor einer Woche angekommen ist und in ihrem Herkunftsland zehn Jahre auf einer Intensivstation gearbeitet hat, schreibt mit, so schnell sie kann. Sie hat Deutsch gelernt, Prüfungen bestanden, Formulare ausgefüllt. Auf diesen Moment hat sie trotzdem niemand vorbereitet.

Die Szene ist erfunden, aber typisch. Sie ist der Grund, warum es Lernwunder gibt. Bevor wir eine einzige Lern-App gebaut haben, haben wir uns gefragt: Was genau macht den Anfang so schwer?

Wie viele internationale Pflegekräfte arbeiten in Deutschland?

Mehr, als vielen bewusst ist. Nach Zahlen der Bundesagentur für Arbeit hatten im Juni 2024 18 Prozent der Beschäftigten in Pflegeberufen eine ausländische Staatsangehörigkeit, im Altenheim war es fast jede vierte Pflegekraft. Allein zwischen Juni 2023 und Juni 2024 kamen 27.000 Pflegekräfte mit ausländischem Pass hinzu. Und: Das Wachstum der Pflege wird seit drei Jahren in Folge ausschließlich von ausländischen Pflegekräften getragen (Bundesagentur für Arbeit, 2025).

Grafik: Von 100 Beschäftigten in Pflegeberufen haben 18 eine ausländische Staatsangehörigkeit (Juni 2024). Von Juni 2023 bis Juni 2024 kamen 27.000 hinzu.

Ohne diese Kolleginnen und Kollegen würden Stationen schließen. Umso wichtiger ist die Frage, ob sie auch bleiben.

Was macht die ersten Wochen auf Station so schwer?

Die Forschung beschreibt kein einzelnes Problem, sondern mehrere, die zur selben Zeit auftreten.

Grafik: Vier Hürden der ersten Wochen – Status, Stationssprache, andere Pflege, Zugehörigkeit.

1. Zu wenig und zu viel zugleich

Wer aus einem Land außerhalb der EU kommt, arbeitet oft zuerst als Pflegehelferin oder Pflegehelfer, bis der Berufsabschluss anerkannt ist. Eine Untersuchung im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung beschreibt diesen Einstieg als Unterforderung: Die Anerkennung konnte bis zu 18 Monate dauern, und in der Helferrolle können Fachkräfte kaum zeigen, was sie können. Ihre Vorerfahrung wird dann oft gar nicht wahrgenommen (Grgic et al., 2019).

Gleichzeitig berichten Pflegekräfte in einer Interviewstudie an süddeutschen Krankenhäusern vom Gegenteil: Weil Personal fehlt, müssen Neue oft schon in der Einarbeitung zu früh volle Verantwortung für Patientinnen und Patienten übernehmen. Das erhöht die Belastung für alle und führt zu Frust auf beiden Seiten (Roth et al., 2025).

2. Die Stationssprache

Sprache ist in fast allen Studien die erste Hürde, die genannt wird (Roth et al., 2023; Pressley et al., 2022). Dabei geht es selten um Grammatik. Es geht um Übergaben im Telegrammstil, um Abkürzungen, um Telefonate mit der Ärztin, um Dialekt im Patientenzimmer und um die Frage, wie man einem verwirrten älteren Herrn freundlich erklärt, dass er nüchtern bleiben muss. Hinzu kommt: Wer sich sprachlich noch unsicher ist, kann seine fachliche Kompetenz schwer zeigen (Grgic et al., 2019).

3. Pflege funktioniert anders

In vielen Ländern ist Pflege ein Studium, und Pflegefachkräfte übernehmen Aufgaben, die in Deutschland Ärztinnen und Ärzten vorbehalten sind. Die Grundpflege gehört dort oft weniger zu ihrem Alltag. Wer in Deutschland ausgebildet wurde, hat ein eigenes Verständnis davon entwickelt, „wer welche Tätigkeiten ausführt“ und „wer worüber entscheiden darf“. Treffen beide Vorstellungen aufeinander, entstehen Missverständnisse und Konflikte, die mit Können wenig zu tun haben (Grgic et al., 2019).

4. Dazugehören

Eine Übersichtsarbeit über internationale Studien beschreibt eine „kulturelle Entwurzelung“, die vor allem aus Sprachunterschieden, dem Gefühl, Außenseiterin zu sein, und einer fremden Pflegepraxis entsteht (Newton et al., 2012). In der deutschen Studie nannten auch einheimische Pflegekräfte offen das Problem, dass neue Kolleginnen als „die Anderen“ wahrgenommen werden, bis hin zu Rassismus (Roth et al., 2023). Eine neuere Übersicht kritisiert eine einseitige Integrationslogik: Von den Neuen wird Anpassung erwartet, vom Team kaum etwas (Rajpoot et al., 2024).

Was hilft nachweislich?

Die gute Nachricht: Die Studien sind sich erstaunlich einig, was die Einarbeitung gelingen lässt.

  • Eine feste Praxisanleitung, die in der ersten Zeit für Verlässlichkeit sorgt (Roth et al., 2023).
  • Eine strukturierte Einarbeitung mit Plan, Material und Zeit statt „mitlaufen lassen“ (Roth et al., 2023).
  • Ein motiviertes Team und eine Leitung, die die Integration aktiv unterstützt (Roth et al., 2023; Roth et al., 2025).
  • Ein passender Einsatzort: Pflegekräfte in der Studie empfahlen etwa, ohne Intensiverfahrung nicht direkt auf der Intensivstation zu beginnen, sondern zuerst auf einer Normalstation sprachlich anzukommen. Und nicht zu viele Neue auf einmal in ein Team zu holen (Roth et al., 2025).
  • Gezielte Sprachförderung für den Berufsalltag und praktisches Training (Roth et al., 2023).
  • Mentoring durch erfahrene internationale Kolleginnen, die den Weg selbst gegangen sind (Newton et al., 2012).

Grafik: Was die Einarbeitung gelingen lässt – sechs Faktoren aus der Forschung.

Was Sie tun können

Wenn Sie im Team neue internationale Kolleginnen und Kollegen einarbeiten:

  1. Fragen Sie in der ersten Woche gezielt nach der Berufserfahrung: Welche Station, welche Aufgaben, welche Geräte? So wird Wissen sichtbar, das die Helferrolle verdeckt.
  2. Sprechen Sie Abkürzungen in der Übergabe einmal aus („RR, also der Blutdruck“). Das kostet Sekunden und erspart Rückfragen.
  3. Bieten Sie an, eine Übergabe zu wiederholen oder aufzuschreiben, ohne es zur Prüfung zu machen.
  4. Erklären Sie das „Warum“ hinter Abläufen, die für Sie selbstverständlich sind, zum Beispiel wer im Haus welche Entscheidung trifft.
  5. Laden Sie zur gemeinsamen Pause ein. Ankommen ist nicht nur fachlich.

Wenn Sie selbst neu auf Station sind:

  1. Legen Sie ein eigenes Stationswörterbuch an: jedes neue Wort mit Artikel und einem Satz, in dem Sie es gehört haben.
  2. Bitten Sie früh um eine feste Ansprechperson, falls es keine gibt.
  3. Erzählen Sie von Ihrer Erfahrung, auch wenn Sie gerade als Helferin arbeiten. Sie ist ein Wert für das Team.
  4. Suchen Sie Kontakt zu Kolleginnen, die den Weg schon gegangen sind, im Haus oder in Netzwerken.

Warum uns dieses Thema beschäftigt

Am Anfang von Lernwunder stand keine Mathe-App, sondern diese Frage: Wie kann man Menschen helfen, die fachlich alles mitbringen und trotzdem in den ersten Wochen an der Sprache des Stationsalltags scheitern? Vieles davon ist Aufgabe von Arbeitgebern, Teams und Politik. Ein Teil aber ist Lernarbeit: Wörter, Sätze, Abkürzungen, die man üben kann, auch nach einer langen Schicht. Genau dort setzen unsere ersten Überlegungen an. In den nächsten Beiträgen schauen wir genauer auf die Fachsprache der Pflege.

Häufige Fragen

Wie viele Pflegekräfte in Deutschland kommen aus dem Ausland? Im Juni 2024 hatten 18 Prozent der Beschäftigten in Pflegeberufen eine ausländische Staatsangehörigkeit, in Altenheimen fast jede vierte Pflegekraft (Bundesagentur für Arbeit, 2025).

Warum arbeiten ausländische Pflegefachkräfte zuerst als Pflegehelfer? Solange ein Abschluss aus einem Land außerhalb der EU nicht anerkannt ist, dürfen sie nicht als Pflegefachkraft arbeiten. Viele beginnen deshalb in einer Helfertätigkeit. Die Dauer der Anerkennung ist unterschiedlich; eine Untersuchung von 2019 nennt bis zu 18 Monate (Grgic et al., 2019). Für den eigenen Fall ist die zuständige Anerkennungsstelle die richtige Adresse.

Ist die Sprache das größte Problem? Sie wird am häufigsten genannt, steht aber selten allein. Status, andere Arbeitsweisen und die Aufnahme im Team wirken mit. Darum reicht ein Sprachzertifikat allein nicht aus.

Was hilft bei der Einarbeitung am meisten? Eine feste Praxisanleitung, eine geplante Einarbeitung, ein passender Einsatzort und ein Team, das die Integration als gemeinsame Aufgabe versteht (Roth et al., 2023; Roth et al., 2025; Rajpoot et al., 2024).

Quellen

Lernwunder-Redaktion · Chaolan Lu

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