Kurz gesagt: Eine Länge ist der Abstand zwischen Anfang und Ende. Auf dem Lineal zählen deshalb die Abstände zwischen den Strichen, nicht die Zahl am Ende. Viele Kinder messen richtig, solange der Gegenstand an der Null liegt, und scheitern, sobald er woanders beginnt. Am besten hilft eine Erfahrung, die der eigenen Vermutung widerspricht: erst schätzen, dann die Abstände nachzählen.
Eine erfundene, aber typische Szene: Ein Kind in der zweiten Klasse misst seinen Bleistift. Es legt das Lineal an, liest „12“ ab, alles richtig. Dann rutscht der Bleistift ein Stück nach rechts. Jetzt reicht er von der 3 bis zur 15. „Fünfzehn Zentimeter!“, sagt das Kind. Der Bleistift ist nicht gewachsen. Aber das Kind hat nie gemessen. Es hat abgelesen.
Was heißt Messen eigentlich?
Messen heißt, eine Einheit immer wieder anzulegen und zu zählen, wie oft sie hineinpasst. Die Bildungsstandards nennen das das Grundprinzip des Messens: Einheiten auswählen, wiederholt nutzen und gegebenenfalls in kleinere Einheiten teilen. Kinder sollen Längen mit geeigneten Einheiten und Messgeräten sachgerecht messen und Größen mit Bezug zu bekannten Repräsentanten schätzen, etwa der Höhe einer Tür (KMK, 2022).
Ein Lineal ist nichts anderes als viele gleich lange Einheiten, hintereinander aufgereiht. Die Zahl an einem Strich sagt, wie viele Einheiten von der Null bis hierher liegen. Wer das versteht, kann mit jedem Stück Lineal messen. Wer es nicht versteht, merkt das oft nicht, solange der Gegenstand an der Null liegt.
Welche Fehler machen Kinder beim Messen mit dem Lineal?
Vor allem zwei, und beide fallen erst auf, wenn der Gegenstand nicht an der Null liegt. Die Forschung nennt das „broken ruler“ (abgebrochenes Lineal) oder „shifted ruler“ (verschobener Gegenstand) (Kwon et al., 2024):
- Die Zahl am Ende ablesen. Das Kind nennt die Zahl, an der der Gegenstand endet. An der Null funktioniert das perfekt, verschoben nicht mehr.
- Die Striche zählen. Das Kind zählt die Striche unter dem Gegenstand statt der Abstände und kommt auf eins zu viel. Es denkt schon an Einheiten, hält aber die Striche für die Einheiten.

Wie verbreitet das ist, zeigen ältere Daten aus US-Schulleistungstests, die Kwon und Kollegen zusammenfassen: Bei solchen Aufgaben antworteten 86 % der Drittklässler falsch, in Klasse 8 immer noch 37 %. International lösten im Mittel nur 29 % der Viertklässler eine schwierige Aufgabe mit verschobenem Lineal (Kwon et al., 2024). Für Deutschland gibt es dazu keine vergleichbaren Zahlen, die wir prüfen konnten. Dass es ein rein amerikanisches Problem ist, halten wir wegen der internationalen Zahl aber für unwahrscheinlich.
Warum ist das so schwer?
Ein Forschungsteam um Tracy Solomon ließ Kinder im Kindergartenalter und in der zweiten Klasse Wachsmalstifte messen, einmal mit einem Lineal und einmal mit einer Reihe einzelner Klötzchen. Lag der Stift am Anfang, kamen beide Altersgruppen mit beidem gut zurecht. Lag er verschoben, konnten sie die Klötzchen unter dem Stift richtig zählen. Beim Lineal aber lagen sie nur auf Zufallsniveau. Auch ohne Zahlen auf dem Lineal blieb die Schwierigkeit (Solomon et al., 2015).
Die Folgerung der Autorinnen: Die eigentliche Hürde ist, das Lineal als Reihe zählbarer Abstände zu sehen. Einzelne Klötzchen sieht man. Die Einheiten auf dem Lineal muss man sich zwischen den Strichen erst denken.
Schon Constance Kamii und Faye Clark wiesen darauf hin, dass Kinder die Idee der wiederholten Einheit erst nach und nach aufbauen. In Interviews mit 383 Kindern der Klassen 1 bis 5 hatten die meisten das wiederholte Anlegen einer Einheit erst in Klasse 4 verstanden (76 %). Die beiden erklärten damit, warum der übliche Unterricht zu schwachen Testergebnissen führt, und plädierten für Aufgaben, die Kinder vor ein Problem stellen und zum Umdenken herausfordern (Kamii & Clark, 1997).
Was hilft Kindern, das Lineal zu verstehen?
Eine Erfahrung, die nicht zur eigenen Vermutung passt. In drei Experimenten mit 120 Zweitklässlern verglichen Kwon und Kollegen verschiedene Trainings. Übliche Unterrichtsaufgaben, bei denen der Gegenstand an der Null liegt, verbesserten das Messen mit verschobenem Lineal nicht. Deutlich besser wurden Kinder, wenn sie erst eine Antwort gaben und dann die Abstände unter dem verschobenen Gegenstand selbst nachzählten und merkten: Das passt nicht. Am schnellsten und dauerhaftesten lernten sie, wenn sie zusätzlich durchsichtige Einheitsplättchen genau auf die Abstände des Lineals legten (Kwon et al., 2024). Diesen letzten Befund stützen die Autorinnen auf eine zusätzliche, explorative Auswertung, er ist also vorläufig.
Ein Detail aus derselben Studie: Kinder, die anfangs die Endzahl ablasen, schnitten insgesamt deutlich schwächer ab als Kinder, die Striche zählten. Wer Striche zählt, sucht immerhin schon nach etwas Zählbarem.
Was Sie tun können
- Ein abgebrochenes Lineal basteln. Schneiden Sie ein Papierlineal bei der 3 ab. „Wie lang ist dieser Stift?“ Lassen Sie Ihr Kind erst schätzen, dann nachzählen.
- Abstände mit dem Finger abgehen. „Wie viele Sprünge macht dein Finger von hier bis hier?“ Nicht: „Welche Zahl steht da?“
- Einheiten auflegen. Legen Sie kleine Papierquadrate von einem Zentimeter genau in die Abstände unter dem Gegenstand und zählen Sie sie.
- Mit Körpermaßen messen. Tisch in Handspannen, Flur in Füßen. Dann misst ein Erwachsener mit seinen Händen: Warum kommt etwas anderes heraus?
- Lücken und Überlappungen entdecken. Büroklammern mit Lücken auslegen und fragen: „Stimmt das noch?“
- Die Frage umdrehen. „Ein Stift ist 4 Zentimeter lang. Wo kann er auf dem Lineal überall liegen?“ Wer viele Lagen findet, hat verstanden, dass die Länge nicht an der Null hängt.
Dazu ein Satz, den Sie Ihrem Kind schenken können: „Die Zahl sagt, wie weit es von der Null ist. Die Länge ist, wie weit es vom Anfang ist.“
Woran wir arbeiten
Wir entwickeln gerade Noa Mathe Lernen, eine neue App für die Grundschule. Sie spielt auf NOA, einer kleinen Insel, die von Küste zu Küste reist. Die erste Einheit ist das Längenmessen, und sie beginnt mit genau dieser Fehlvorstellung.
Die Idee: Am Steg der Insel fehlt ein Stück. Werftmeister Kofi soll ein Brett zusägen, und das Kind misst die Lücke. Kofis altes Maßband ist vorne abgerissen, es beginnt erst bei der 2. Wer die Zahl am Ende abliest, bestellt ein Brett, das zu lang ist, und sieht es sofort: Das Brett ragt über den Pfahl. Ist es zu kurz, glitzert in der Lücke das Wasser.
So wollen wir den Befund von Kwon und Kollegen umsetzen: Nicht die App sagt „falsch“, sondern das Material widerspricht. Kofi sägt, was bestellt wird, und zeigt nie auf die Lösung. Und der Strandling, ein kleiner Begleiter aus Treibholz und Muscheln, macht selbst einmal den typischen Fehler und fragt das Kind, ob er recht hat.

Noa entsteht gerade. Wann und in welcher Form die App erscheint, können wir heute noch nicht sagen. Wie die einzelnen Apps im Lernweg zusammenhängen, haben wir in einem eigenen Beitrag beschrieben. Eines ist schon klar: Echte Längen entstehen am echten Gegenstand. Handspannen und Lineal auf dem Küchentisch bleiben unersetzlich, so wie im Beitrag über Handeln, Bild und Symbol beschrieben.
Häufige Fragen
Ab wann lernen Kinder Längen messen? In der Regel in Klasse 1 und 2, zuerst mit Körpermaßen und Alltagsdingen, dann mit Zentimeter und Meter am Lineal und Maßband (KMK, 2022).
Mein Kind misst richtig. Muss ich mir trotzdem Gedanken machen? Prüfen Sie es einmal mit einem verschobenen Gegenstand. Wer an der Null richtig misst, kann trotzdem nur ablesen (Kwon et al., 2024).
Warum zählt mein Kind immer eins zu viel? Es zählt vermutlich die Striche statt der Abstände. In einer Studie schnitten Kinder mit dieser Strategie besser ab als Kinder, die nur die Endzahl ablasen (Kwon et al., 2024). Zeigen Sie ihm die Sprünge zwischen den Strichen.
Soll ich mein Kind einfach korrigieren? Besser ist eine Erfahrung: Lassen Sie es schätzen und dann die Abstände selbst nachzählen. Der Widerspruch überzeugt mehr als eine Erklärung.
Quellen
- Kamii, C. & Clark, F. B. (1997). Measurement of length: The need for a better approach to teaching. School Science and Mathematics, 97(3), 116–121. https://doi.org/10.1111/j.1949-8594.1997.tb17354.x
- Kultusministerkonferenz (2022). Bildungsstandards für das Fach Mathematik, Primarbereich. Beschluss vom 15.10.2004 i. d. F. vom 23.06.2022, S. 15. https://www.kmk.org/fileadmin/Dateien/veroeffentlichungen_beschluesse/2022/2022_06_23-Bista-Primarbereich-Mathe.pdf
- Kwon, M. K., Congdon, E. L., Ping, R. M. & Levine, S. C. (2024). Overturning children’s misconceptions about ruler measurement: The power of disconfirming evidence. Journal of Intelligence, 12(7), 62. https://doi.org/10.3390/jintelligence12070062
- Solomon, T. L., Vasilyeva, M., Huttenlocher, J. & Levine, S. C. (2015). Minding the gap: Children’s difficulty conceptualizing spatial intervals as linear measurement units. Developmental Psychology, 51(11), 1564–1573. https://doi.org/10.1037/a0039707
Lernwunder-Redaktion · Chaolan Lu
