Kurz gesagt: Ob ein Wort der, die oder das hat, kann man ihm im Deutschen meist nicht sicher ansehen. Studien zeigen: Selbst sehr fortgeschrittene Lernende machen Genusfehler, und zwar nicht, weil sie die Grammatik nicht kennen, sondern weil das Genus nicht fest beim Wort gespeichert ist. Am besten lernt man jedes Nomen deshalb von Anfang an zusammen mit seinem Artikel, als eine Einheit. Genau so wollen wir Wörter in unserer Lernhilfe vorsprechen.

„Kannst du mir den Infusion bringen?“ Die Kollegin lächelt und bringt die Infusion. Niemand auf Station ist deswegen in Gefahr, und trotzdem bleibt so ein Moment hängen. Wer seit Monaten gutes Deutsch spricht und immer noch beim Artikel stolpert, fragt sich irgendwann: Warum lerne ich das nicht endlich?

Die ehrliche Antwort der Forschung: Weil der Artikel im Deutschen für erwachsene Lernende wirklich schwer ist. Und weil es darauf ankommt, wie man Wörter lernt.

Im Beitrag Ein Wort, drei Sätze ging es darum, Fachwörter im Satz zu lernen. Heute geht es um das kleinste Stück davon, das trotzdem am häufigsten wackelt: den Artikel.

Warum ist der Artikel im Deutschen so schwer?

Das Deutsche hat drei grammatische Geschlechter (Genera): Maskulinum, Femininum und Neutrum. Das Genus zeigt sich nicht nur am Artikel, sondern auch an anderen Begleitwörtern, an Pronomen und an Adjektiven (Szagun et al., 2007). Wer „der Zugang“ gelernt hat, muss später auch „er ist verstopft“ und „ein neuer Zugang“ sagen. Ein falsches Genus zieht sich durch den ganzen Satz.

Dazu kommt: Das Genus ist mit Fall und Zahl verflochten. „Der“ ist im Nominativ männlich, im Dativ aber weiblich („mit der Kanüle“). Im Plural gibt es gar keinen Genusunterschied mehr (Szagun et al., 2007). Für Lernende sind die Signale also mehrdeutig. Genau dieses Ineinander von Genus, Fall und Zahl macht Fehler im Deutschen besonders wahrscheinlich (Spinner & Juffs, 2008).

Gibt es Regeln, an denen man das Genus erkennt?

Ja, aber sie sind Tendenzen, keine festen Gesetze. Die Sprachforschung kennt Bedeutungs-, Form- und Lautregeln, die meisten davon gelten nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit (Szagun et al., 2007). Einige sind auf Station sehr nützlich:

  • Wörter auf -ung, -heit, -keit, -schaft sind feminin: die Lagerung, die Übelkeit.
  • Verkleinerungen auf -chen und -lein sind neutral: das Röhrchen.
  • Bei zusammengesetzten Wörtern bestimmt das letzte Wort das Genus: der Blutdruck + die Manschette = die Blutdruckmanschette.
  • Wörter auf -en, -er, -el sind häufig maskulin, aber eben nur häufig: der Katheter, aber die Schüssel.

Grafik: Vier Hinweise auf das Genus mit Beispielen von Station. -ung, -heit, -keit sind feminin (die Lagerung). -chen ist neutral (das Röhrchen). Zusammengesetzte Wörter richten sich nach dem letzten Teil (die Blutdruckmanschette). -er, -el sind oft maskulin, aber nicht immer (der Katheter, die Schüssel).

Interessant ist, wie unterschiedlich Muttersprachler und Lernende solche Hinweise nutzen. In Experimenten benannten deutsche Muttersprachler Bilder gleich schnell, egal ob die Wortendung zum Genus passte oder nicht. Englischsprachige Deutschlernende waren dagegen bei typischen Endungen am schnellsten und bei untypischen am langsamsten (Bordag et al., 2006). Muttersprachler „wissen“ das Genus eines Wortes einfach. Lernende rechnen es sich aus. Spätere Experimente deuten darauf hin, dass das Genus bei Lernenden nicht fest gespeichert ist, sondern bei jedem Gebrauch neu bestimmt wird (Bordag & Pechmann, 2007).

Was zeigt die Forschung über Genusfehler bei Lernenden?

Eine besonders aufschlussreiche Studie stammt aus dem Spanischen, das zwei Genera hat. Sehr fortgeschrittene Lernende mit Englisch als Muttersprache verstanden Sätze mit Genusmarkierung genauso sicher wie Muttersprachler. Beim Sprechen sah es anders aus: 17 Prozent ihrer Antworten enthielten ein falsch zugeordnetes Genus. Fehler bei der Übereinstimmung, also der Grammatikregel selbst, lagen dagegen nur bei 1,5 Prozent (Grüter et al., 2012).

Grafik: Wo Genusfehler entstehen. Bei sehr fortgeschrittenen Lernenden waren 17,2 Prozent der Antworten falsche Genuszuordnungen des Wortes, aber nur 1,5 Prozent Fehler in der Übereinstimmung. Muttersprachler: 0,3 Prozent. Studie zum Spanischen mit je 19 Personen.

Die Lernenden kannten also die Regel. Ihnen fehlte das Genus am einzelnen Wort. Eine Studie mit fortgeschrittenen englischsprachigen Deutschlernenden kommt zu einem ähnlichen Ergebnis: Wer das Genus beim Sprechen sicherer zuordnete, nutzte Artikel auch beim Zuhören, um das nächste Wort vorherzusagen. Der Autor deutet das Problem als eines des Wortschatzes, nicht der Grammatik (Hopp, 2013).

Auch die Muttersprache spielt eine Rolle. In einer Studie zum Niederländischen schnitten Lernende mit Deutsch als Muttersprache am besten ab, Lernende mit einer romanischen Sprache in der Mitte, und Lernende mit Englisch lagen bei einer der Aufgaben auf Zufallsniveau. Entscheidend war weniger, ob die Muttersprache ein Genus hat, sondern wie ähnlich die Systeme sind (Sabourin et al., 2006). Für Pflegekräfte aus der Türkei, den Philippinen oder China, deren Sprachen kein grammatisches Geschlecht kennen, ist der deutsche Artikel also ganz neues Terrain. Aber auch wer Polnisch oder Arabisch spricht, kann sich nicht auf das eigene Gefühl verlassen.

Warum hilft es, Wort und Artikel zusammen zu lernen?

Hier wird es praktisch. Ein Forschungsteam hat erwachsenen Lernenden eine erfundene Sprache mit Artikeln beigebracht. Eine Gruppe hörte die Nomen zuerst mit Artikel im Zusammenhang und erst später allein. Die andere Gruppe hörte die Nomen zuerst allein. Die erste Gruppe lernte sowohl die Wörter als auch die Artikel besser (Arnon & Ramscar, 2012).

Die Erklärung der Autoren: Wer zuerst die kleinen Einheiten kennenlernt, also Nomen ohne Artikel, lernt die Verbindung zwischen Artikel und Nomen schlechter. Kinder hören Wörter dagegen von Anfang an mit Artikel. Sie behandeln Artikel und Nomen anfangs manchmal sogar als ungeteilte Einheit (Grüter et al., 2012).

Eine Einschränkung gehört dazu: Die Studie von Arnon und Ramscar arbeitet mit einer Kunstsprache, nicht mit Deutsch. Eine Studie, die genau das Lernen deutscher Fachwörter mit und ohne Artikel vergleicht, kennen wir nicht. Die Befunde passen aber gut zusammen: Das Genus ist eine Eigenschaft des einzelnen Wortes, und es sitzt am besten, wenn es von Anfang an dazugehört.

Was Sie tun können

  1. Nie ein Nomen ohne Artikel aufschreiben. Auch nicht im Stationsheft. Nicht „Infusion“, sondern „die Infusion“.
  2. Laut lernen. Sprechen Sie Wort und Artikel als Einheit, wie ein einziges Wort: „dieInfusion“, „derZugang“.
  3. Farben nutzen, wenn sie Ihnen helfen: eine Farbe pro Genus auf Karteikarten.
  4. Die sicheren Regeln zuerst: -ung, -heit, -keit, -chen und das letzte Wort bei Zusammensetzungen. Damit haben Sie viele Stationswörter.
  5. Bei Zusammensetzungen das letzte Wort suchen: Kennen Sie die Manschette, kennen Sie auch die Blutdruckmanschette.
  6. Fehler gelassen sehen. Selbst sehr gute Lernende machen sie (Grüter et al., 2012). Verstanden werden Sie trotzdem fast immer.

Woran wir arbeiten

In PflegeMate, der Lernhilfe für Pflegedeutsch, an der wir arbeiten, haben wir eine Entscheidung getroffen: Jedes Nomen steht mit Artikel da, und es wird auch mit Artikel gesprochen. Wer auf ein Wort tippt, soll nicht „Rufanlage“ hören, sondern „die Rufanlage“.

Der Grund steht in diesem Beitrag: Das Genus gehört zum Wort, man kann es ihm nicht anhören, und Lernende profitieren davon, Wort und Artikel von Anfang an gemeinsam zu hören. Wörter ohne Genus bekommen keinen Artikel. Tätigkeiten wie „Blutdruck messen“ oder Eigenschaften wie „blass“ werden so gesprochen, wie sie sind. So wird nichts Falsches mitgelernt.

PflegeMate ist eine reine Sprachlernhilfe. Sie ersetzt keine Einarbeitung und keine fachliche Ausbildung.

Häufige Fragen

Kann man den Artikel im Deutschen an der Endung erkennen? Manchmal. -ung, -heit, -keit und -schaft sind feminin, -chen und -lein neutral. Viele andere Regeln gelten nur meistens (Szagun et al., 2007). Sicher ist nur: das Wort mit Artikel lernen.

Warum mache ich noch Artikelfehler, obwohl ich gut Deutsch spreche? Das ist normal. Auch sehr fortgeschrittene Lernende ordnen beim Sprechen manchmal das falsche Genus zu, obwohl sie die Regeln kennen (Grüter et al., 2012; Hopp, 2013).

Ist meine Muttersprache ein Vorteil oder ein Nachteil? Sie spielt eine Rolle, vor allem wenn ihr Genussystem dem deutschen ähnlich ist (Sabourin et al., 2006). Lernen müssen das Genus aber alle, Wort für Wort.

Merkt man Artikelfehler auf Station? Man hört sie, aber sie stören das Verstehen selten. Wichtiger ist, dass Sie sprechen und nachfragen.

Quellen

  • Arnon, I. & Ramscar, M. (2012). Granularity and the acquisition of grammatical gender: How order-of-acquisition affects what gets learned. Cognition, 122(3), 292–305. https://doi.org/10.1016/j.cognition.2011.10.009
  • Bordag, D., Opitz, A. & Pechmann, T. (2006). Gender processing in first and second languages: The role of noun termination. Journal of Experimental Psychology: Learning, Memory, and Cognition, 32(5), 1090–1101. https://doi.org/10.1037/0278-7393.32.5.1090
  • Bordag, D. & Pechmann, T. (2007). Factors influencing L2 gender processing. Bilingualism: Language and Cognition, 10(3), 299–314. https://doi.org/10.1017/S1366728907003082
  • Grüter, T., Lew-Williams, C. & Fernald, A. (2012). Grammatical gender in L2: A production or a real-time processing problem? Second Language Research, 28(2), 191–215. https://doi.org/10.1177/0267658312437990
  • Hopp, H. (2013). Grammatical gender in adult L2 acquisition: Relations between lexical and syntactic variability. Second Language Research, 29(1), 33–56. https://doi.org/10.1177/0267658312461803
  • Sabourin, L., Stowe, L. A. & de Haan, G. J. (2006). Transfer effects in learning a second language grammatical gender system. Second Language Research, 22(1), 1–29. https://doi.org/10.1191/0267658306sr259oa
  • Spinner, P. & Juffs, A. (2008). L2 grammatical gender in a complex morphological system: The case of German. IRAL – International Review of Applied Linguistics in Language Teaching, 46(4). https://doi.org/10.1515/iral.2008.014
  • Szagun, G., Stumper, B., Sondag, N. & Franik, M. (2007). The acquisition of gender marking by young German-speaking children: Evidence for learning guided by phonological regularities. Journal of Child Language, 34(3), 445–471. https://doi.org/10.1017/S0305000906007951

Lernwunder-Redaktion · Chaolan Lu

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