Kurz gesagt: Matheangst ist ein Gefühl von Anspannung und Angst, das beim Rechnen das Denken blockiert. Sie zeigt sich schon in der ersten und zweiten Klasse und trifft keineswegs nur Kinder, die schlecht rechnen. Angst und Leistung verstärken sich gegenseitig, und Erwachsene geben ihre eigene Unsicherheit oft unbemerkt weiter. Was hilft: Erfolgserlebnisse durch gezielte Übung, entspannte Mathe-Momente zu Hause und Erwachsene, die über Mathe gelassen und positiv sprechen.
Eine Szene, wie sie viele Eltern kennen (erfunden, aber typisch): Es ist Montagabend, morgen gibt es in der Schule „Blitzrechnen“. Die Tochter, die im Kindergarten begeistert Treppenstufen gezählt hat, sitzt vor dem Heft und sagt: „Ich kann das nicht. Ich bin schlecht in Mathe.“ Sie ist sieben.
Kleine Kinder mögen Mathematik in vielen Ländern; mit den Jahren wird die Einstellung oft schlechter (Dowker et al., 2016). Wie kommt es dazu, und was können Erwachsene tun?
Was ist Matheangst?
Eine klassische Definition beschreibt Matheangst als „ein Gefühl von Anspannung und Angst, das den Umgang mit Zahlen und das Lösen mathematischer Aufgaben stört“, im Alltag wie in der Schule (Richardson & Suinn, 1972, zitiert nach Dowker et al., 2016). Wichtig ist der zweite Teil: Die Angst ist nicht nur unangenehm, sie stört das Denken selbst.
Wie das geht, zeigt eine Studie mit 154 Kindern der ersten und zweiten Klasse. Schon in diesem Alter hing Matheangst mit schlechteren Leistungen zusammen, und zwar vor allem bei Kindern mit einem guten Arbeitsgedächtnis (Ramirez et al., 2013). Die Erklärung der Forschenden: Diese Kinder rechnen gern „im Kopf“ mit Strategien, die viel Arbeitsgedächtnis brauchen. Sorgen besetzen genau diesen Platz. Matheangst kann also gerade Kinder ausbremsen, die eigentlich viel Potenzial mitbringen.
Trifft Matheangst nur Kinder, die schlecht rechnen?
Nein. In einer britischen Studie mit 1.757 Kindern im Alter von acht bis neun und zwölf bis dreizehn Jahren hatten Kinder mit einer Rechenstörung zwar doppelt so häufig hohe Matheangst wie andere. Aber 77 Prozent der Kinder mit hoher Matheangst rechneten durchschnittlich oder sogar gut (Devine et al., 2018).

Wie viele Kinder insgesamt betroffen sind, lässt sich schwer sagen. Es gibt keine feste Grenze, ab wann Angst „hoch“ ist, und Studien kommen je nach Messung zu sehr unterschiedlichen Anteilen (Dowker et al., 2016).
Was war zuerst da: die Angst oder die schlechte Note?
Beides, und genau das macht es schwierig. Eine große Metaanalyse mit 747 Effektgrößen fand einen klaren, kleinen bis mittleren negativen Zusammenhang zwischen Matheangst und Matheleistung. Er beginnt in der Kindheit und bleibt bis ins Erwachsenenalter bestehen (Barroso et al., 2021).
Wie die Richtung aussieht, zeigt eine Studie mit 634 Kindern der ersten und zweiten Klasse, die zweimal im Abstand von sechs Monaten getestet wurden: Angst und Leistung beeinflussten sich gegenseitig. Kinder, die glaubten, Mathe-Begabung sei angeboren und unveränderlich, hatten mehr Angst. Und gute Leistung war ein besonders starker Schutz gegen spätere Angst. Die Forschenden sprechen von einem Teufels- oder einem Engelskreis, der schon in den ersten beiden Schuljahren beginnt (Gunderson et al., 2018).

Welche Rolle spielen Eltern und Lehrkräfte?
Eine größere, als vielen bewusst ist.
Lehrkräfte: In einer US-Studie mit Lehrerinnen der ersten und zweiten Klasse hing deren eigene Matheangst am Schuljahresanfang nicht mit den Leistungen der Kinder zusammen. Am Ende des Jahres schon: Je ängstlicher die Lehrerin, desto eher glaubten Mädchen, dass „Jungen gut in Mathe und Mädchen gut im Lesen“ seien, und desto schlechter rechneten diese Mädchen (Beilock et al., 2010).
Eltern: Bei Eltern mit Matheangst lernten Kinder im Lauf eines Schuljahres weniger Mathe und hatten am Ende mehr Angst, aber nur, wenn diese Eltern häufig bei den Mathe-Hausaufgaben halfen. Halfen sie selten, gab es keinen Zusammenhang (Maloney et al., 2015). Gut gemeinte Hilfe kann also Unsicherheit übertragen, vermutlich über Tonfall, Ungeduld oder Erklärungen, die selbst unsicher sind.
Was hilft Kindern nachweislich?
Die Studienlage zu Hilfen ist kleiner als die zu Ursachen, aber es gibt ermutigende Befunde:
- Entspannte Mathe-Momente zu Hause. In einem Experiment mit 587 Erstklässlern lösten Familien regelmäßig kurze Mathe-Geschichten mit Rechenfragen gemeinsam, angeboten über eine Tablet-App. Die Kinder lernten im Schuljahr mehr Mathe als die Vergleichsgruppe mit Lesegeschichten, besonders Kinder von Eltern mit Matheangst (Berkowitz et al., 2015).
- Können aufbauen. Nach acht Wochen Einzelförderung in Mathematik sank bei Drittklässlern mit hoher Matheangst die Angst deutlich (Supekar et al., 2015). Erfolg ist eines der besten Mittel gegen Angst.
- Haltung der Erwachsenen. Eltern und Lehrkräfte können eine positive Einstellung zu Mathe vorleben und abwertende Sätze vermeiden. Das ist allerdings schwer, wenn sie selbst Angst haben, und wie gut einzelne Strategien wirken, ist noch wenig erforscht (Dowker et al., 2016).
Was Sie tun können
- Über Mathe gelassen sprechen. Statt „Ich war auch immer schlecht in Mathe“: „Das ist knifflig. Lass uns schauen, wie man es sich vorstellen kann.“
- Hausaufgaben-Hilfe entspannen. Wenn Sie selbst unsicher sind, ist es in Ordnung, sich zurückzuhalten oder die Hilfe zu tauschen, zum Beispiel mit dem anderen Elternteil. Fragen Sie lieber „Wie hast du gedacht?“ als „Warum kannst du das nicht?“.
- Mathe im Alltag, ohne Prüfung. Würfelspiele, Treppenstufen, Tisch decken, Einkaufszettel: kurze Momente, in denen Rechnen Spaß macht und niemand bewertet.
- Anstrengung und Wege loben, nicht Begabung. „Du hast einen schlauen Weg gefunden“ statt „Du bist ein Mathe-Genie“. Kinder, die Begabung für festgelegt halten, haben eher mehr Angst (Gunderson et al., 2018).
- Erfolge ermöglichen. Lieber eine leichte Aufgabe sicher lösen als an einer zu schweren scheitern. Das Können wächst, die Angst sinkt.
- Ernst nehmen. Wenn ein Kind über Wochen Bauchweh vor Mathe hat oder Mathe völlig vermeidet, sprechen Sie mit der Lehrkraft. Starke Angst kann auch auf Rechenschwierigkeiten hinweisen, die eine fachliche Abklärung verdienen.
Warum uns das beschäftigt
Mathe sollte sich für Kinder nach Entdecken anfühlen, nicht nach Prüfung. Wenn Angst und Misserfolg sich gegenseitig verstärken, liegt die Chance im Gegenteil: in kleinen, sicheren Erfolgserlebnissen. Daran denken wir bei jeder Entscheidung für unsere erste Mathe-App, die gerade entsteht. Im nächsten Beitrag geht es um Rechenschwierigkeiten: woran man sie in Klasse 1 und 2 erkennt und was hilft.
Häufige Fragen
Ab welchem Alter kann Matheangst auftreten? Sie ist schon in der ersten und zweiten Klasse messbar und hängt dort bereits mit der Leistung zusammen (Ramirez et al., 2013; Gunderson et al., 2018).
Ist mein Kind schlecht in Mathe, wenn es Angst davor hat? Nicht unbedingt. Die meisten Kinder mit hoher Matheangst rechnen durchschnittlich oder gut (Devine et al., 2018). Die Angst kann aber verhindern, dass sie zeigen, was sie können.
Soll ich bei den Hausaufgaben nicht mehr helfen? Hilfe ist nicht falsch. Ungünstig war in Studien häufige Hilfe von Eltern, die selbst große Matheangst haben (Maloney et al., 2015). Gelassene, kurze Unterstützung und gemeinsame Mathe-Spiele ohne Druck sind ein guter Weg.
Ist Matheangst dasselbe wie eine Rechenstörung? Nein. Beides kann zusammen auftreten, ist aber nicht dasselbe (Devine et al., 2018). Bei anhaltenden Schwierigkeiten hilft eine fachliche Abklärung.
Quellen
- Barroso, C., Ganley, C. M., McGraw, A. L., Geer, E. A., Hart, S. A. & Daucourt, M. C. (2021). A meta-analysis of the relation between math anxiety and math achievement. Psychological Bulletin, 147(2), 134–168. https://doi.org/10.1037/bul0000307
- Beilock, S. L., Gunderson, E. A., Ramirez, G. & Levine, S. C. (2010). Female teachers’ math anxiety affects girls’ math achievement. Proceedings of the National Academy of Sciences, 107(5), 1860–1863. https://doi.org/10.1073/pnas.0910967107
- Berkowitz, T., Schaeffer, M. W., Maloney, E. A., Peterson, L., Gregor, C., Levine, S. C. & Beilock, S. L. (2015). Math at home adds up to achievement in school. Science, 350(6257), 196–198. https://doi.org/10.1126/science.aac7427
- Devine, A., Hill, F., Carey, E. & Szűcs, D. (2018). Cognitive and emotional math problems largely dissociate: Prevalence of developmental dyscalculia and mathematics anxiety. Journal of Educational Psychology, 110(3), 431–444. https://doi.org/10.1037/edu0000222
- Dowker, A., Sarkar, A. & Looi, C. Y. (2016). Mathematics Anxiety: What Have We Learned in 60 Years? Frontiers in Psychology, 7, 508. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2016.00508
- Gunderson, E. A., Park, D., Maloney, E. A., Beilock, S. L. & Levine, S. C. (2018). Reciprocal relations among motivational frameworks, math anxiety, and math achievement in early elementary school. Journal of Cognition and Development, 19(1), 21–46. https://doi.org/10.1080/15248372.2017.1421538
- Maloney, E. A., Ramirez, G., Gunderson, E. A., Levine, S. C. & Beilock, S. L. (2015). Intergenerational effects of parents’ math anxiety on children’s math achievement and anxiety. Psychological Science, 26(9), 1480–1488. https://doi.org/10.1177/0956797615592630
- Ramirez, G., Gunderson, E. A., Levine, S. C. & Beilock, S. L. (2013). Math anxiety, working memory, and math achievement in early elementary school. Journal of Cognition and Development, 14(2), 187–202. https://doi.org/10.1080/15248372.2012.664593
- Supekar, K., Iuculano, T., Chen, L. & Menon, V. (2015). Remediation of childhood math anxiety and associated neural circuits through cognitive tutoring. Journal of Neuroscience, 35(36), 12574–12583. https://doi.org/10.1523/JNEUROSCI.0786-15.2015
Lernwunder-Redaktion · Chaolan Lu
