Kurz gesagt: Nach einem Fehler brauchen Kinder vor allem eine Information darüber, wie es richtig geht, und kein Urteil über sich selbst. Feedback mit viel Information wirkt in Studien etwa viermal so stark wie Belohnung oder Strafe, und Feedback, das auf die Person zielt, kann sogar schaden. Dass die Farbe Rot an sich die Leistung senkt, ist dagegen nicht sicher belegt. Unser Grundsatz lautet deshalb: Ein Fehler soll zeigen, wie die Aufgabe aufgebaut ist. Unsere erste App zeigt bei Fehlern noch einen roten Rand; künftig wollen wir darauf verzichten.

Eine erfundene, aber vertraute Szene: Ein Heft kommt aus der Schule zurück. Neunzehn Aufgaben stimmen, eine nicht. Das Kind schaut nur auf die eine, die rot durchgestrichen ist. „Ich kann das nicht“, sagt es, obwohl es fast alles richtig gemacht hat.

Rot ist in der Schule seit Generationen die Farbe für „falsch“. In diesem Beitrag fragen wir, was Kinder nach einem Fehler tatsächlich weiterbringt, und erzählen ehrlich, wo wir selbst dazugelernt haben.

Was macht Rückmeldung nach einem Fehler wirksam?

Feedback gehört zu den stärksten Einflüssen auf das Lernen, aber es kann in beide Richtungen wirken. Entscheidend ist, welche Art von Rückmeldung ein Kind bekommt und wie (Hattie & Timperley, 2007).

Wie groß die Unterschiede sind, zeigt eine Metaanalyse von 435 Studien mit über 61.000 Lernenden. Im Mittel hatte Feedback eine mittlere Wirkung (d = 0,48). Nach Art aufgeschlüsselt:

  • Belohnung oder Strafe (ein Sternchen, ein Punktabzug): d = 0,24,
  • korrigierendes Feedback („richtig/falsch“ plus Lösung): d = 0,46,
  • Feedback mit viel Information (was richtig war, wie man vorgeht, was als Nächstes kommt): d = 0,99

(Wisniewski et al., 2020). Bei motivationalen Ergebnissen waren 21 Prozent der Effekte sogar negativ, und die meisten davon gingen auf Rückmeldungen ohne Information zurück, also reine Belohnungen oder Strafen.

Grafik: Wie stark Feedback wirkt, nach Art – Belohnung oder Strafe d = 0,24; richtig/falsch mit Lösung d = 0,46; Feedback mit viel Information d = 0,99. Metaanalyse von 435 Studien.

Kann Feedback auch schaden?

Ja. Schon eine ältere große Metaanalyse mit 607 Effektgrößen fand: Im Durchschnitt verbesserte Feedback die Leistung, aber in mehr als einem Drittel der Fälle verschlechterte es sie. Je mehr eine Rückmeldung die Aufmerksamkeit weg von der Aufgabe und hin zur eigenen Person lenkt, desto weniger hilft sie (Kluger & DeNisi, 1996).

Das gilt auch für Lob. In einer Reihe von Experimenten mit Kindern der fünften Klasse wurden einige für ihre Intelligenz gelobt („Du bist klug“), andere für ihre Anstrengung. Nach einem Misserfolg gaben die „klugen“ Kinder schneller auf, hatten weniger Freude an den Aufgaben und schnitten schlechter ab (Mueller & Dweck, 1998). Ein Fehler wird dann schnell zum Beweis, doch nicht klug zu sein.

Sind Fehler schlecht fürs Lernen?

Nein, oft ist das Gegenteil der Fall. Eine Übersichtsarbeit fasst Laborstudien zusammen: Fehler zu machen und danach eine korrigierende Rückmeldung zu bekommen, fördert das Lernen. Besonders hilfreich ist es, den Denkweg zu besprechen, der zum Fehler geführt hat. Wer Fehler zulässt, ermutigt Lernende außerdem, aktiv und neugierig an Aufgaben heranzugehen (Metcalfe, 2017).

Die Voraussetzung ist also nicht, Fehler zu vermeiden, sondern dass nach dem Fehler etwas Lehrreiches passiert.

Macht die Farbe Rot Kinder wirklich schlechter?

Hier müssen wir ehrlich sein. 2007 berichtete eine Forschungsgruppe, dass schon ein kurzer Blick auf Rot vor einem Test die Leistung senkt. Die Erklärung der Forschenden: Rot werde mit Gefahr und Versagen verbunden (Elliot et al., 2007). Spätere Studien konnten das aber oft nicht bestätigen. Eine Metaanalyse von 2020 fand für Wissens- und Buchstabenrätsel-Tests keinen Unterschied, nur bei Denkaufgaben einen kleinen. Nach Korrektur für Publikationsverzerrung blieb kein belastbarer Beleg für einen Rot-Effekt übrig (Gnambs, 2020).

Wir verzichten auf Rot also nicht, weil die Farbe allein Kinder schlechter rechnen ließe. Unser Grund ist ein anderer, und er ist unsere eigene Überlegung: Rot trägt im Schulalltag eine feste Bedeutung. Es sagt „falsch“ und oft auch „schlecht“. Es ist das Paradebeispiel für eine Rückmeldung ohne Information. Ein roter Rand verrät nicht, wie die Aufgabe aufgebaut ist. Er verrät nur, dass man versagt hat.

Was Sie tun können

  1. Das Gelungene markieren. Haken Sie mit einem grünen Stift ab, was stimmt. Die eine falsche Aufgabe besprechen Sie gemeinsam.
  2. Nach dem Weg fragen. „Wie hast du gerechnet?“ Oft steckt hinter einem Fehler eine nachvollziehbare Idee.
  3. Fehler selbst finden lassen. „Eine Aufgabe auf dieser Seite stimmt noch nicht. Findest du sie?“ Das macht aus dem Urteil eine Aufgabe.
  4. Die Struktur zeigen, nicht nur die Lösung. Bei 8 = 5 + ? helfen acht Plättchen, die man in fünf und den Rest teilt, mehr als die Antwort „3“.
  5. Strategien loben, nicht Begabung. „Du hast erst zur Zehn gerechnet, clever“ statt „Du bist so schlau“ (Mueller & Dweck, 1998).
  6. Über eigene Fehler sprechen. Wenn Erwachsene sagen „Da habe ich mich verrechnet, ich schau noch mal“, lernen Kinder, dass Fehler zum Denken dazugehören.

Wie wir damit in unseren Apps umgehen

Zur Ehrlichkeit gehört: Unsere erste Mathe-App Zahlzerlegung zeigt bei einer falschen Antwort einen roten Rand um das Feld. Danach erscheint die richtige Lösung mit grünem Rand. Eine falsch gelöste Zerlegung rutscht im Lernstand zurück und kommt dadurch öfter wieder, bis sie sitzt. Punkte oder Leben, die man verliert, gibt es nicht.

Mit dem, was wir in diesem Beitrag zusammengetragen haben, würden wir den roten Rand heute nicht mehr so bauen. Unser Grundsatz für alles, was wir künftig entwickeln, lautet: Ein Fehler wird nicht rot markiert, sondern erklärt. Bei einer Zerlegung wie 8 = 5 + 3 heißt das zum Beispiel: Das Ganze teilt sich sichtbar in seine Teile, acht Punkte in fünf und drei. So sieht das Kind, warum die Antwort drei ist, statt nur zu erfahren, dass seine Antwort falsch war. Daran arbeiten wir. Wann und in welcher Form das in Zahlzerlegung ankommt, können wir heute noch nicht sagen.

Grafik: Zwei Arten, auf einen Fehler bei 8 = 5 + ? zu reagieren. Links nur ein Urteil: ein markiertes Feld mit „falsch“. Rechts eine Erklärung: Acht Punkte teilen sich in fünf und drei.

Häufige Fragen

Sollte man Fehler gar nicht mehr markieren? Doch. Kinder brauchen die Information, dass etwas nicht stimmt. Wirksam wird sie aber erst, wenn sie zeigt, wie es richtig geht (Hattie & Timperley, 2007; Wisniewski et al., 2020).

Ist Rot als Farbe schädlich? Dafür gibt es keinen belastbaren Beleg (Gnambs, 2020). Problematisch ist Rot vor allem als reines Urteil ohne Erklärung.

Warum zeigt Zahlzerlegung dann einen roten Rand? Weil wir es beim Bau der App so entschieden haben. Inzwischen sehen wir es anders und arbeiten an einer Rückmeldung, die die Teile zeigt statt Rot.

Ist Lob nicht immer gut? Lob für Anstrengung und Strategien hilft eher als Lob für Begabung. Kinder, die für Intelligenz gelobt wurden, gaben nach Misserfolgen schneller auf (Mueller & Dweck, 1998).

Quellen

Lernwunder-Redaktion · Chaolan Lu

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