Kurz gesagt: Praxisanleitende sind für internationale Pflegekräfte oft die wichtigste Sprachlehrerin, ohne es so zu nennen. Studien zeigen: Neue Kolleginnen sagen häufig „Ja“, obwohl sie nicht alles verstanden haben, sie lassen Geschriebenes gegenlesen und tun sich am Telefon und mit Widerspruch schwer. Hilfreich sind deshalb feste Routinen: Verstehen durch Zurückerzählen prüfen statt mit „Verstanden?“, Schriftliches mit einer festen Person gegenlesen und Telefonate, Rückfragen und Widersprechen gezielt üben.
Eine Szene, wie sie viele Praxisanleitende kennen (sie ist erfunden): Die neue Kollegin aus Manila begleitet Sie seit drei Tagen. Fachlich ist sie sicher, sie hat jahrelang auf einer chirurgischen Station gearbeitet. Sie erklären ihr, dass Frau K. nach dem Mittag mobilisiert werden soll, aber nur mit zwei Personen und erst nach der Schmerzmedikation. Sie fragen: „Alles klar?“ Sie nickt und sagt „Ja“. Eine Stunde später steht sie allein mit Frau K. an der Bettkante.
Was ist da passiert? Wahrscheinlich kein Leichtsinn, sondern ein Sprachproblem, das in der Einarbeitung leicht übersehen wird. Wie die ersten Wochen insgesamt aussehen und was Teams allgemein hilft, haben wir im Beitrag Ankommen auf Station beschrieben. Hier geht es um die Rolle, die dabei am meisten Sprache weitergibt: die Praxisanleitung.
Warum sagen neue Kolleginnen „Ja“, wenn sie unsicher sind?
Eine norwegische Interviewstudie hat 14 Pflegekräfte befragt, sieben mit Norwegisch als Erst- und sieben mit Norwegisch als Zweitsprache. Beide Seiten beschrieben dasselbe Muster: Wer die Sprache noch nicht sicher spricht, antwortet oft mit Zustimmung, auch wenn er etwas nicht ganz verstanden hat, aus Sorge, das zuzugeben. Missverständnisse waren häufig, etwa darüber, welche Art von Medikamentenverpackung gemeint war. Die Befragten hielten solche Missverständnisse für ein Risiko für die Patientensicherheit und wünschten sich klare Kommunikationsroutinen (Moi et al., 2026).
Das Problem ist also nicht nur das Verstehen, sondern das Zeigen von Nichtverstehen. Eine Frage wie „Verstanden?“ lädt zu einem höflichen „Ja“ ein. Sie prüft nichts.
Wo hakt es sprachlich am meisten?
Dieselbe Studie nennt zwei Stellen, die Sie als Praxisanleitende im Blick haben sollten:
- Schriftliches. Kolleginnen mit Norwegisch als Zweitsprache baten oft darum, dass jemand ihre Dokumentation gegenliest, und zwar meist die Person, die gerade danebensaß. Lange Berichte zu lesen kostete mehr Zeit, Details gingen leichter verloren (Moi et al., 2026).
- Telefon. Ohne Gesicht und Gesten fehlen Hilfen. Feine Unterschiede gingen am Telefon besonders leicht verloren; eine Befragte gab Wichtiges deshalb lieber persönlich weiter (Moi et al., 2026).
Eine Beobachtungsstudie in einer australischen Klinik hat 13 international ausgebildete Pflegekräfte über zwölf Wochen begleitet. Gespräche mit Ärztinnen und Kollegen wurden vor allem durch Zögern, wenig Durchsetzungsvermögen und fehlende Strategien im Umgang mit unhöflichen oder unklaren Antworten erschwert. Lockerer Smalltalk mit Lachen kam mit Kolleginnen aus derselben Herkunft vor, mit einheimischen Kollegen kaum (Philip et al., 2019). Lehrende in Brückenkursen beschrieben schon vorher, dass manche Pflegekräfte die Hierarchien zwischen Berufsgruppen aus ihrem Herkunftsland beibehalten und sich mit Gesprächen schwertun, die Vertrauen zu Patientinnen aufbauen (Philip et al., 2015).
Für die Anleitung heißt das: Fachwörter sind nur ein Teil. Mindestens so wichtig sind Nachfragen, Widersprechen, Telefonieren und Smalltalk, also genau das, was in keinem Wörterbuch steht.

Was sagt die Forschung über gute Begleitung?
Eine systematische Übersichtsarbeit aus diesem Jahr hat 20 Studien ausgewertet, wie Arbeitgeber international ausgebildete Pflegekräfte aus nicht englischsprachigen Ländern beim Einstieg unterstützen. Sie fand neun Ansätze, darunter Unterstützung durch Kolleginnen auf Station, ein festes Buddy- oder Mentorensystem mit einer Ansprechperson für den Alltag, eine eigens zugeschnittene Einarbeitung und gezielte Förderung von Sprache und Kommunikation (Connolly et al., 2026).
Die Autorinnen sind dabei ehrlich: Keine der Studien hat die Wirkung einzelner Maßnahmen experimentell geprüft. Was wir wissen, stammt aus Interviews und Befragungen (Connolly et al., 2026). Eine Übersicht quantitativer Studien kommt zu einem ähnlichen Bild: Soziale und organisatorische Unterstützung hängen mit gelingender Integration zusammen, Diskriminierung erschwert sie (Joensuu et al., 2024). Die Tipps unten sind deshalb begründete Praxis, keine geprüften Programme.
Was Sie tun können
- Zurückerzählen statt „Verstanden?“. Bitten Sie nach jeder wichtigen Ansage: „Erzähl mir kurz, wie du vorgehst.“ Ergänzen Sie nur, was fehlt. Sagen Sie dazu, warum Sie das tun: Es ist Routine, kein Misstrauen.
- Eine Information pro Satz. Lieber drei kurze Sätze als einen mit „aber nur, wenn … und erst nach …“. Bedingungen und Zahlen ans Satzende, dort werden sie betont. Sprechen Sie langsam, aber normales Deutsch, keine Babysprache.
- Eine feste Gegenlese-Person. Vereinbaren Sie, wer in den ersten Wochen Dokumentation gegenliest, statt dass die neue Kollegin jeden Tag jemand anderen fragen muss. Besprechen Sie wiederkehrende Formulierungen einmal gründlich.
- Telefonate vorbereiten. Üben Sie die drei häufigsten Anrufe der Station (Labor, Ärztin, Angehörige) einmal im Stationszimmer. Ein kleiner Spickzettel neben dem Telefon hilft: Wer ruft an, für wen, was ist los, was brauche ich?
- Widersprechen üben. Geben Sie ausdrücklich Sätze dafür: „Ich bin unsicher, kannst du mitkommen?“, „Stopp, das muss ich erst klären.“, „Frau Doktor, darf ich kurz nachfragen?“. Sagen Sie dazu, dass das auf dieser Station erwünscht ist.
- Smalltalk ist Arbeit. Laden Sie bewusst in Gespräche in der Pause ein und erklären Sie Redewendungen, über die alle lachen. So entsteht der Kontakt, den Philip et al. (2019) mit einheimischen Kolleginnen kaum beobachtet haben.
- Sprachziele in den Einarbeitungsplan. Neben fachlichen Zielen je Woche ein sprachliches Ziel, etwa „Woche 2: Vitalzeichen telefonisch weitergeben“. Ein Vorschlag steht in der Grafik.

Der Vier-Wochen-Plan ist unser Vorschlag und keine Forschungsvorgabe. Passen Sie ihn an Station und Person an. Wer schon nach einer Woche sicher telefoniert, überspringt diesen Schritt.
Wie PflegeMate dabei helfen kann
PflegeMate ist eine Sprachlernhilfe für die Wörter und Sätze des Stationsalltags. Für die Anleitung sind zwei Dinge praktisch: Jeder Begriff steht in drei Sätzen, an die Patientin, an die Kollegin und an die Ärztin. Das passt zur Idee aus Ein Wort, drei Sätze. Und seit Version 2.1 vom August spricht die App jedes Wort mit seinem Artikel und buchstabiert Abkürzungen so, wie man sie auf Station sagt.
Sie können die App zum Beispiel für die Wörter der Woche nutzen: Sie zeigen im Zimmer, was dort steht, die neue Kollegin hört es abends noch einmal an. Die Begleitung durch Sie ersetzt die App nicht. PflegeMate bereitet nicht auf Prüfungen vor und gibt keine fachlichen Anweisungen. Mehr auf der Seite zu PflegeMate.
Häufige Fragen
Ist es nicht unhöflich, jemanden zurückerzählen zu lassen? Nicht, wenn es für alle gilt und Sie es erklären. In der norwegischen Studie wünschten sich beide Seiten klare Routinen, gerade weil Missverständnisse häufig waren (Moi et al., 2026). Sie können es auch bei einheimischen Kolleginnen tun, dann wirkt es nicht wie ein Test.
Soll ich langsamer oder einfacher sprechen? Langsamer und klarer gegliedert, ja. Wörter weglassen oder im Infinitiv sprechen („du Patient waschen“) eher nicht, denn so hört die Kollegin nicht das Deutsch, das sie auf Station braucht. Das ist unsere Einschätzung, keine Studienvorgabe.
Was, wenn die Kollegin fachlich mehr kann als ich? Das kommt vor. Sprachliche Begleitung heißt nicht, Pflege neu zu erklären. Fragen Sie nach ihrer Erfahrung und lassen Sie sie Abläufe auf Deutsch erklären. Das übt Sprache und zeigt ihre Kompetenz.
Wie lange braucht es, bis die Fachsprache sitzt? Das ist sehr unterschiedlich und hängt von Vorkenntnissen, Station und Unterstützung ab. Belastbare Zahlen dazu haben wir nicht gefunden. Wichtiger als ein Termin ist, dass die sprachlichen Ziele sichtbar weiterwachsen.
Quellen
- Connolly, C., Mcdonald, J., Unger, L., Williams, D., Cains, G. & Laver, K. (2026). Strategies to support Internationally Educated Nurses from non-English speaking backgrounds transition into the Western healthcare workforce: a systematic review. BMC Nursing, 25, 591. https://doi.org/10.1186/s12912-026-04654-4
- Joensuu, R., Suleiman, K., Koskenranta, M., Kuivila, H., Oikarainen, A., Juntunen, J., Goh, Y. S., Liaw, S. Y. & Mikkonen, K. (2024). Factors associated with the integration of culturally and linguistically diverse nurses into healthcare organisations: A systematic review of quantitative studies. Journal of Nursing Management, 2024, 5887450. https://doi.org/10.1155/2024/5887450
- Moi, E. B., Skisland, A. V., Johannessen, B., Haraldstad, K., Rohde, G. & Flateland, S. (2026). Communication and interaction between native-speaker Norwegian nurses and nurses with Norwegian as a second language in home-based care settings: a qualitative exploratory interpretive study. BMC Nursing, 25, 677. https://doi.org/10.1186/s12912-026-04834-2
- Philip, S., Manias, E. & Woodward-Kron, R. (2015). Nursing educator perspectives of overseas qualified nurses’ intercultural clinical communication: barriers, enablers and engagement strategies. Journal of Clinical Nursing, 24(17–18), 2628–2637. https://doi.org/10.1111/jocn.12879
- Philip, S., Woodward-Kron, R. & Manias, E. (2019). Overseas qualified nurses’ communication with other nurses and health professionals: An observational study. Journal of Clinical Nursing, 28(19–20), 3505–3521. https://doi.org/10.1111/jocn.14942
Lernwunder-Redaktion · Chaolan Lu
