Kurz gesagt: In Akten, Übergaben und Kurven stehen Tausende Abkürzungen, und selbst erfahrene Fachleute deuten in Studien oft weniger als die Hälfte davon richtig. Für Pflegekräfte, die Deutsch als Zweitsprache lernen, kommt eine zweite Hürde dazu: Kürzel werden gesprochen, meist Buchstabe für Buchstabe mit deutschen Buchstabennamen, manchmal als Wort, manchmal ausgeschrieben. Wer eine Abkürzung lernt, sollte deshalb drei Dinge zusammen lernen: wie sie aussieht, wie man sie spricht und was sie bedeutet.

Frühdienst, Übergabe. „Zimmer drei: RR war nachts hoch, BZ um zehn, der Zugang i.v. liegt seit gestern.“ Die neue Kollegin kennt das Wort „Blutdruck“. Sie kennt auch „Blutzucker“. Aber was hat „Er-Er“ damit zu tun? Und warum sagt niemand „Ar-Ar“, wie sie die Buchstaben im Englischkurs gelernt hat? Die Szene ist erfunden. Das Problem dahinter ist es nicht.

In unserem Beitrag über den Artikel auf Station ging es um das kleinste Stück eines Wortes. Heute geht es um Wörter, die selbst schon geschrumpft sind.

Wie viele Abkürzungen gibt es im Klinikalltag?

Sehr viele. Eine britische Untersuchung in einer Kinderabteilung zählte auf nur 25 Übergabebögen 2.286 Abkürzungen, davon 221 verschiedene. In 168 Patientenakten waren es 3.668, davon 479 verschiedene. Zwei gängige Nachschlagewerke kannten nur 14 bis 20 Prozent davon (Sheppard et al., 2008).

Auch im deutschsprachigen Raum ist das nicht anders. In 100 Entlassbriefen einer Grazer Universitätsklinik fanden sich 750 verschiedene Abkürzungen, die nicht erklärt wurden. Eine davon, „HA“, kann laut den Autorinnen und Autoren Hausarzt, Hepatitis A, Humanalbumin, Hämagglutinin oder Hyaluronan bedeuten (Schwarz et al., 2021). Eine Datenbank amerikanischer Medizinabkürzungen kommt auf 104.057 Kürzel mit 170.426 Bedeutungen (Grossman Liu et al., 2021). Viele Abkürzungen haben also mehr als eine Bedeutung.

Verstehen Fachleute die Abkürzungen?

Oft nicht. In einer britischen Befragung erklärten Beschäftigte aus verschiedenen Berufen im Krankenhaus im Schnitt nur 43 Prozent der Abkürzungen richtig. Besonders aufschlussreich: Eine Abkürzung, die vor allem Pflegekräfte benutzten, deuteten 75 Prozent der Pflegekräfte richtig, aber nur 11 Prozent der jungen Ärztinnen und Ärzte. Bei anderen Kürzeln war es umgekehrt (Sinha et al., 2011). Jede Berufsgruppe hat ihren eigenen Kürzel-Dialekt.

In einer weiteren britischen Studie lagen 46 Beschäftigte aus Pflege und Medizin bei 20 Abkürzungen aus echten Akten im Schnitt bei 32 Prozent (Jayatilake & Oyibo, 2023). Und eine Befragung von Pflegekräften in Zagreb zeigt, woher dieses Wissen kommt: Abkürzungen lernt man vor allem von erfahrenen Kolleginnen, also auf Station, nicht im Kurs (Režić & Hanžek, 2023).

Grafik: Wie gut Abkürzungen verstanden werden. Klinikpersonal deutete im Schnitt 43 Prozent (Sinha 2011) beziehungsweise 32 Prozent (Jayatilake 2023) richtig. Patientinnen und Patienten verstanden ihre Akte mit Abkürzungen zu 62 Prozent, ausgeschrieben zu 95 Prozent (Grossman Liu 2022).

Und Patientinnen und Patienten?

Für sie sind Abkürzungen noch schwerer. In einer randomisierten Studie lasen 60 Patientinnen und Patienten Auszüge aus ihrer Akte: die eine Hälfte mit Abkürzungen, die andere ausgeschrieben. Mit Abkürzungen verstanden sie im Schnitt 62 Prozent, ausgeschrieben 95 Prozent. Einfache Kürzel wie „BP“ (blood pressure) kannten noch 83 Prozent, „HTN“ (hypertension) nur 23 Prozent (Grossman Liu et al., 2022). Für das Gespräch am Bett heißt das: Kürzel gehören in die Kurve und in die Übergabe, nicht in den Satz an den Patienten.

Wie spricht man Abkürzungen aus?

Hier liegt die Hürde, die in kaum einem Lehrbuch steht. Die Sprachwissenschaft unterscheidet bei Kurzwörtern aus Anfangsbuchstaben zwei Aussprachen: Sie werden buchstabiert (EKG) oder wie ein Wort gesprochen (TÜV). Buchstabierte Kurzwörter sind im Deutschen deutlich häufiger (Sotnikova & Khomkova, 2016).

Auf Station kommt nach unserer Beobachtung eine dritte Variante hinzu: Manche Kürzel werden einfach ausgeschrieben gesprochen. Damit ergeben sich drei Arten:

  • Buchstabiert: RR („Er-Er“), BZ („Be-Zett“), EKG („E-Ka-Ge“), i.v. („I-Vau“)
  • Als Wort: PEG („Peg“)
  • Ausgeschrieben: b. B. („bei Bedarf“), 1-0-1 („eins-null-eins“ oder „morgens eine, mittags keine, abends eine“)

Grafik: Drei Arten, ein Kürzel zu sprechen. Buchstabiert: RR als Er-Er, BZ als Be-Zett, EKG als E-Ka-Ge, i.v. als I-Vau. Als Wort: PEG. Ausgeschrieben: b. B. als bei Bedarf, 1-0-1 als eins-null-eins.

Für Lernende ist das Buchstabieren selbst eine Falle. Die deutschen Buchstabennamen klingen anders als die englischen: R heißt „Er“ (englisch „ar“), Z heißt „Zett“ (englisch „zee“ oder „zed“), V heißt „Vau“ (englisch „vee“). Wer RR auf Englisch buchstabiert, wird auf Station womöglich nicht verstanden, und wer die deutsche Aussprache nie gehört hat, erkennt das Kürzel in der schnellen Übergabe nicht wieder.

Was Sie tun können

  1. Das deutsche Alphabet laut üben, besonders die Buchstaben, die anders klingen als im Englischen: E, I, R, V, Z.
  2. Eine eigene Kürzel-Liste mit drei Spalten führen: Kürzel, wie man es spricht, was es bedeutet. Zum Beispiel: RR · Er-Er · Blutdruck.
  3. Nachfragen, wie es im Haus gemeint ist. Viele Kürzel sind hausüblich, manche haben mehrere Bedeutungen.
  4. Zum Patienten das ganze Wort sagen: „Ich messe Ihren Blutdruck“, nicht „Ich messe Ihren RR“.
  5. Beim Schreiben die Liste des eigenen Hauses nutzen. Welche Kürzel in der Dokumentation erlaubt sind, regelt jede Einrichtung selbst.

Für Praxisanleitende: Sagen Sie Kürzel in den ersten Wochen einmal ausgeschrieben dazu. „RR, also der Blutdruck“ kostet zwei Sekunden.

Woran wir arbeiten

In PflegeMate, der Lernhilfe für Pflegedeutsch, an der wir arbeiten, soll es eine eigene Kategorie für Abkürzungen geben. Dafür haben wir eine Entscheidung getroffen: Jede Abkürzung wird so vorgesprochen, wie man sie auf Station sagt, und gleich danach mit ihrer Bedeutung. Man hört also nicht ein verschliffenes „Rrr“, sondern „Er-Er, Blutdruck“, und bei der Notaufnahme „Zett-Enn-A, Zentrale Notaufnahme“.

Die Ausnahmen folgen dem Stationsgebrauch: „b. B.“ wird als „bei Bedarf“ gesprochen, „1-0-1“ als Zahlenfolge, und PEG bleibt ein Wort. In den Beispielsätzen an Patientinnen und Patienten steht meist das ausgeschriebene Wort, denn dort hat ein Kürzel nach allem, was die Studien zeigen, selten etwas verloren.

PflegeMate ist eine reine Sprachlernhilfe. Sie erklärt Wörter, keine Behandlungen, und ersetzt weder Einarbeitung noch die Abkürzungsliste Ihres Hauses.

Häufige Fragen

Wie spricht man RR aus? Buchstabiert mit deutschen Buchstabennamen: „Er-Er“. Gemeint ist der Blutdruck.

Gibt es eine verbindliche Liste der Abkürzungen in der Pflege? Nicht bundesweit für alle. Viele Einrichtungen haben eigene Listen. Fragen Sie nach der Liste Ihres Hauses.

Warum verstehen selbst deutsche Kolleginnen manche Kürzel nicht? Weil jede Berufsgruppe und jede Station eigene Kürzel benutzt und viele mehrere Bedeutungen haben (Sinha et al., 2011; Schwarz et al., 2021).

Soll ich Abkürzungen im Gespräch mit Patienten vermeiden? Ja, in aller Regel. Ausgeschrieben verstehen Patienten deutlich mehr (Grossman Liu et al., 2022).

Quellen

  • Grossman Liu, L., Grossman, R. H., Mitchell, E. G., Weng, C., Natarajan, K., Hripcsak, G. & Vawdrey, D. K. (2021). A deep database of medical abbreviations and acronyms for natural language processing. Scientific Data, 8(1), 149. https://doi.org/10.1038/s41597-021-00929-4
  • Grossman Liu, L., Russell, D., Reading Turchioe, M., Myers, A. C., Vawdrey, D. K., Masterson Creber, R. M. et al. (2022). Effect of expansion of abbreviations and acronyms on patient comprehension of their health records: A randomized clinical trial. JAMA Network Open, 5(5), e2212320. https://doi.org/10.1001/jamanetworkopen.2022.12320
  • Jayatilake, D. C. & Oyibo, S. O. (2023). Interpretation and misinterpretation of medical abbreviations found in patient medical records: A cross-sectional survey. Cureus, 15(9), e44735. https://doi.org/10.7759/cureus.44735
  • Režić, S. & Hanžek, K. (2023). Abbreviation use habits in nurses’ work. Croatian Nursing Journal, 7(1), 51–61. https://doi.org/10.24141/2/7/1/4
  • Schwarz, C. M., Hoffmann, M., Smolle, C., Eiber, M., Stoiser, B., Pregartner, G., Kamolz, L. P. & Sendlhofer, G. (2021). Structure, content, unsafe abbreviations, and completeness of discharge summaries: A retrospective analysis in a University Hospital in Austria. Journal of Evaluation in Clinical Practice, 27(6), 1243–1251. https://doi.org/10.1111/jep.13533
  • Sheppard, J. E., Weidner, L. C., Zakai, S., Fountain-Polley, S. & Williams, J. (2008). Ambiguous abbreviations: an audit of abbreviations in paediatric note keeping. Archives of Disease in Childhood, 93(3), 204–206. https://doi.org/10.1136/adc.2007.128132
  • Sinha, S., McDermott, F., Srinivas, G. & Houghton, P. W. (2011). Use of abbreviations by healthcare professionals: what is the way forward? Postgraduate Medical Journal, 87(1029), 450–452. https://doi.org/10.1136/pgmj.2010.097394
  • Sotnikova, E. & Khomkova, L. (2016). Entwicklungstendenzen der Kurzwörter in der deutschen Gegenwartssprache. Universität Augsburg (OPUS). https://opus.bibliothek.uni-augsburg.de/opus4/3411

Lernwunder-Redaktion · Chaolan Lu

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