Kurz gesagt: Lernwunder hat mit einer Frage aus der Pflege begonnen: Wie hilft man Menschen, die viel können, aber an einer Grundlage scheitern? Dieselbe Frage stellt sich in der Grundschulmathematik. Frühe Zahlkompetenz sagt den späteren Mathe-Erfolg so gut voraus wie kaum etwas anderes, und rund jedes fünfte Kind in Klasse 4 erreicht die Mindeststandards in Mathematik nicht. Darum bauen wir jetzt auch Mathe-Apps: ruhig, ohne Druck und nah an der Grundschul-Didaktik.
Unsere ersten Beiträge handelten von Pflegekräften, die nach Deutschland kommen: von den ersten Wochen auf Station und vom langen Weg über Anerkennung und Fachsprache. Ab heute schreiben wir auch über etwas, das auf den ersten Blick weit davon entfernt liegt: Kinder, die rechnen lernen. Dieser Beitrag erklärt, warum das für uns kein Bruch ist.
Was hat Pflege mit Mathematik zu tun?
Inhaltlich wenig. In der Art, wie gelernt wird, erstaunlich viel. Als wir uns mit der Lage internationaler Pflegekräfte beschäftigt haben, ist uns ein Muster aufgefallen, das wir seitdem überall wiedersehen:
- Menschen scheitern an einer Grundlage, nicht am Können. Eine erfahrene Intensivpflegerin wirkt unsicher, weil ihr die Abkürzungen der Übergabe fehlen. Ein Kind wirkt „schlecht in Mathe“, weil es 8 + 4 noch Schritt für Schritt abzählt. In beiden Fällen sieht man das Symptom und übersieht, was fehlt.
- Grundlagen brauchen Übung, die nicht beschämt. Wer sich bei jedem Fehler bloßgestellt fühlt, übt weniger. Das gilt nach einer langen Schicht genauso wie in der zweiten Klasse.
- Sprache und Vorstellung tragen alles Weitere. Auf Station ist es die Fachsprache, in der Mathematik die Vorstellung davon, was eine Zahl ist und woraus sie besteht. Fehlt diese Basis, wird jeder weitere Schritt schwerer.

Diese drei Punkte sind unsere eigene Beobachtung, keine Studienergebnisse. Warum wir uns bei der Mathematik gerade auf die ersten Schuljahre konzentrieren, lässt sich dagegen gut belegen.
Warum gerade Mathematik in der Grundschule?
Weil früh gelegte Grundlagen sehr lange nachwirken. Drei Befunde haben uns überzeugt:
- Mathe zum Schulstart sagt späteren Erfolg am besten voraus. Eine Auswertung von sechs großen Langzeitstudien verglich, welche Fähigkeiten beim Schuleintritt die spätere Schulleistung vorhersagen. Am stärksten waren frühe mathematische Fähigkeiten, noch vor dem Lesen und der Aufmerksamkeit (Duncan et al., 2007).
- Der Vorsprung hält bis ins Jugendalter. Mathematische Fähigkeiten mit viereinhalb Jahren sagten die Mathe-Leistung mit 15 Jahren voraus, auch wenn Lesen, allgemeine kognitive Fähigkeiten und der familiäre Hintergrund berücksichtigt wurden. Noch aussagekräftiger war, wie viel Kinder bis zum ersten Schuljahr dazulernten (Watts et al., 2014).
- Zahlkompetenz im Kindergartenjahr bestimmt die Lernkurve. Kinder mit schwacher früher Zahlkompetenz lagen bis Ende der dritten Klasse nicht nur zurück, sie lernten auch langsamer dazu. Dass Kinder aus Familien mit geringem Einkommen schlechter abschnitten, ließ sich weitgehend über ihre schwächere frühe Zahlkompetenz erklären (Jordan et al., 2009).
Eine britische Langzeitstudie fand sogar Zusammenhänge zwischen den Mathe- und Leseleistungen mit sieben Jahren und dem sozioökonomischen Status mit 42 Jahren, über die Herkunft und die Intelligenz hinaus (Ritchie & Bates, 2013). Solche Studien zeigen Zusammenhänge, keine einfachen Ursachen. Aber sie zeigen, dass sich die ersten Schuljahre lohnen.
Wie steht es um die Mathematik in deutschen Grundschulen?
Nicht gut. Im IQB-Bildungstrend 2021 wurden fast 27.000 Viertklässlerinnen und Viertklässler getestet. Rund 22 Prozent erreichten in Mathematik nicht einmal die Mindeststandards, also Anforderungen, die alle Kinder erreichen sollten. In einzelnen Ländern war der Anteil noch deutlich höher (IQB, 2022).

Hinter dieser Zahl stehen viele Gründe: Unterrichtsausfall, die Folgen der Pandemie, Sprache, Herkunft. Eine App löst davon wenig. Aber ein Teil ist Lernarbeit an den Grundlagen, und dort können gute Übungen helfen.
Mathe ist eigentlich schön. Warum fühlt es sich für viele anders an?
Das ist der Teil, der uns am meisten beschäftigt. Kleine Kinder mögen Mathematik in vielen Ländern; mit den Jahren wird die Einstellung dazu oft schlechter (Dowker et al., 2016). Dabei steckt in den ersten Zahlen so viel Schönes: Acht Punkte lassen sich als fünf und drei sehen, als vier und vier, als zwei Vierer. Wer das einmal entdeckt hat, muss nicht mehr zählen.
Für viele Kinder verbindet sich Mathe trotzdem früh mit Druck, Zeitnot und dem Gefühl, „es nicht zu können“. Diesem Thema widmen wir den nächsten Beitrag: Matheangst bei Kindern, wie sie entsteht und was hilft.
Was Sie tun können
Ohne App, mit Dingen, die es zu Hause gibt:
- Mengen sehen statt zählen. Legen Sie fünf Gummibärchen in eine Reihe und zwei darunter. Fragen Sie: „Wie viele, ohne zu zählen?“
- Zahlen zerlegen beim Tischdecken. „Wir sind sechs. Vier Teller stehen schon. Wie viele fehlen?“
- Fehler neugierig besprechen. „Wie bist du darauf gekommen?“ hilft mehr als „Falsch“.
- Über Mathe positiv sprechen. Sätze wie „Ich war auch nie gut in Mathe“ meinen es gut, können aber hängen bleiben.
Woran wir arbeiten
Die Arbeit an einer Sprachhilfe für internationale Pflegekräfte geht weiter; dazu schreiben wir bald mehr. Parallel entsteht gerade unsere erste Mathe-App für die Grundschule. Sie wird sich auf eine einzige Grundlage konzentrieren, die für das Rechnenlernen zentral ist. Was das ist und warum, erklären wir in den nächsten Wochen. Unser Anspruch dabei bleibt derselbe wie in der Pflege: auf bewährter Grundschul-Didaktik aufgebaut, ruhig, ohne Werbung, ohne Druck. Eine App ersetzt weder guten Unterricht noch Förderung durch Fachleute; sie kann beim Üben helfen.
Häufige Fragen
Hört Lernwunder mit dem Thema Pflege auf? Nein. Die Sprache im Pflegealltag bleibt ein eigener Schwerpunkt. Die Mathematik kommt dazu.
Warum ausgerechnet Grundschulmathematik? Weil frühe Zahlkompetenz späteren Mathe-Erfolg stark vorhersagt (Duncan et al., 2007; Watts et al., 2014) und weil Lücken in diesen Grundlagen später schwer aufzuholen sind (Jordan et al., 2009).
Wie viele Kinder haben in Mathe Schwierigkeiten? Im IQB-Bildungstrend 2021 verfehlten rund 22 Prozent der Viertklässler die Mindeststandards in Mathematik (IQB, 2022). Das ist nicht gleichzusetzen mit einer Rechenstörung; dazu schreiben wir einen eigenen Beitrag.
Quellen
- Dowker, A., Sarkar, A. & Looi, C. Y. (2016). Mathematics Anxiety: What Have We Learned in 60 Years? Frontiers in Psychology, 7, 508. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2016.00508
- Duncan, G. J., Dowsett, C. J., Claessens, A., Magnuson, K., Huston, A. C., Klebanov, P., … Japel, C. (2007). School readiness and later achievement. Developmental Psychology, 43(6), 1428–1446. https://doi.org/10.1037/0012-1649.43.6.1428
- Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) (2022). IQB-Bildungstrend 2021. Ergebnisseite zum Bericht (Berichtsband bei Waxmann). https://www.iqb.hu-berlin.de/bt/BT2021/Bericht/
- Jordan, N. C., Kaplan, D., Ramineni, C. & Locuniak, M. N. (2009). Early math matters: Kindergarten number competence and later mathematics outcomes. Developmental Psychology, 45(3), 850–867. https://doi.org/10.1037/a0014939
- Ritchie, S. J. & Bates, T. C. (2013). Enduring links from childhood mathematics and reading achievement to adult socioeconomic status. Psychological Science, 24(7), 1301–1308. https://doi.org/10.1177/0956797612466268
- Watts, T. W., Duncan, G. J., Siegler, R. S. & Davis-Kean, P. E. (2014). What’s past is prologue: Relations between early mathematics knowledge and high school achievement. Educational Researcher, 43(7), 352–360. https://doi.org/10.3102/0013189X14553660
Lernwunder-Redaktion · Chaolan Lu
