Kurz gesagt: Eine Übergabe folgt einem festen Muster: wer, was ist passiert, wie ist der Stand, was ist noch offen. Sprachlich heißt das Perfekt für das Geschehene, Präsens für den Zustand und „muss noch“, „ist geplant“ oder „bitte“ für das, was kommt, dazu viele verkürzte Sätze. Wer dieses Muster kennt und gezielt nachfragt, versteht und spricht sicherer. Die Forschung zeigt: Struktur und Rückfragen machen Übergaben zuverlässiger.
Eine erfundene, aber typische Szene: 13.45 Uhr, Dienstzimmer. Die Kollegin aus dem Frühdienst übergibt in hohem Tempo sechs Zimmer. Sätze ohne Verb, Kürzel, ein Name, den man nicht verstanden hat. Nach zwei Minuten ist man drei Patienten im Rückstand und traut sich nicht, die Kollegin zu unterbrechen.
Viele international ausgebildete Pflegekräfte beschreiben die Übergabe als die schwierigste Sprechsituation des Tages. Das ist verständlich: Hier kommt alles zusammen, was wir in früheren Beiträgen beschrieben haben, vom Wechsel der Register bis zu den Abkürzungen. Dieser Beitrag ist rein sprachlich: Er zeigt, wie Übergaben gebaut sind und wie man sie übt. Was in einer Übergabe fachlich gesagt werden muss, regelt Ihr Haus.
Warum ist die Übergabe so wichtig?
Bei jeder Übergabe wechselt die Verantwortung für Patientinnen und Patienten. Geht dabei Information verloren, merkt man es oft erst Stunden später. Eine Übersichtsarbeit zu Pflegeübergaben ordnete die beschriebenen Hindernisse acht Bereichen zu und fand eine bemerkenswerte Einigkeit bei den empfohlenen Strategien. Hochwertige Studien dazu, was wirklich wirkt, gab es damals aber kaum (Riesenberg et al., 2010).
Dass Struktur hilft, zeigt eine große Studie aus neun Kliniken, allerdings bei Ärztinnen und Ärzten in Weiterbildung: Nachdem ein festes Übergabeschema samt Training eingeführt worden war, sank die Rate medizinischer Fehler um 23 Prozent, vermeidbare unerwünschte Ereignisse um 30 Prozent (Starmer et al., 2014). Für das bekannte Schema SBAR fand eine Übersichtsarbeit mäßige Belege für mehr Patientensicherheit, vor allem bei Telefonaten (Müller et al., 2018).
Wie ist eine Übergabe sprachlich aufgebaut?
Als typische Probleme nennt die internationale Forschung fehlende Struktur, unvollständige Übergaben und zu wenig Erklärung dazu, was getan wurde und was noch zu tun ist. Ein australisches Forschungsteam hat über 800 echte Übergaben aufgezeichnet und sprachlich ausgewertet. Sein Fazit passt in einen Satz: Nicht die kurze Übergabe ist die gute, sondern die interaktive Übergabe ist die sichere (Eggins & Slade, 2015).
Viele Häuser nutzen eigene Schemata, oft angelehnt an SBAR. Sprachlich lassen sich fast alle auf vier Schritte zurückführen, und jeder Schritt hat seine typischen Formen:

- Wer? Zimmer, Name, oft das Alter und der Grund des Aufenthalts: „Ich übergebe dir Zimmer 12, Frau Berger, 81, seit gestern bei uns.“
- Was ist passiert? Fast immer im Perfekt: „Sie hat gut geschlafen.“ „Sie ist zweimal mit Hilfe aufgestanden.“ „Die Angehörigen waren da.“
- Wie ist der Stand? Präsens oder Zustandspassiv: „Sie ist wach und orientiert.“ „Der Verband ist frisch.“ „Sie ist gelagert.“
- Was ist offen? Modalverben und Zukunft: „Die Tochter ruft um drei noch an.“ „Ein Gespräch mit dem Sozialdienst ist für morgen geplant.“ „Bitte noch die Trinkmenge eintragen.“
Die Namen und Situationen in den Beispielen sind erfunden.
Wo liegen die Stolperstellen?
Verkürzte Sätze. In der Übergabe fallen Verben und Artikel weg: „Zimmer 5, alles ruhig, Verband gewechselt, Werte unauffällig.“ Wer gewohnt ist, auf vollständige Sätze zu hören, verliert hier schnell den Faden. Hilfreich ist, sich die fehlenden Teile im Kopf zu ergänzen: „Verband [wurde] gewechselt.“
Perfekt, Passiv und trennbare Verben. „Der Arzt hat die Medikation umgestellt“, „Sie wird morgen verlegt“, „Ich habe sie umgelagert“: Das entscheidende Wort steht oft am Satzende. Wer zu früh aufhört zuzuhören, versteht das Gegenteil.
Zahlen und Uhrzeiten. „Um viertel vier“, „halb drei“, „am Vormittag“: Regional unterschiedliche Uhrzeiten sind eine klassische Falle. Im Zweifel als Ziffer nachfragen: „Also 15.15 Uhr?“
Kürzel und Hausjargon. Jede Station hat ihre eigenen Abkürzungen. Mehr dazu im Beitrag RR, BZ, i.v..
Nicht nachfragen. Die größte Stolperstelle ist oft keine sprachliche. Wer neu ist und unsicher spricht, fragt seltener nach. Gerade das macht die Übergabe aber sicher. In einem zweisprachigen Krankenhaus wurden Pflegekräfte darin geschult, Übergaben interaktiv zu gestalten. Vorher waren die Übergaben meist Monologe, bei denen die übernehmenden Pflegekräfte passiv zuhörten. Nach dem Training wurden daraus Gespräche, in denen beide Seiten nachfragten und klärten. Als besonders wichtig zeigten sich eine klare Übergabe der Verantwortung, aktiv beteiligte Übernehmende und eine feste Struktur (Pun et al., 2020).
Was Sie tun können
Wenn Sie Übergaben auf Deutsch üben:
- Lernen Sie die vier Schritte auswendig und bauen Sie Ihre eigene Übergabe immer in dieser Reihenfolge, auch wenn Ihr Haus ein anderes Formular nutzt.
- Üben Sie die Zeitformen getrennt. Schreiben Sie zu einem erfundenen Patienten drei Sätze im Perfekt (was war), drei im Präsens (wie ist es) und drei mit „muss noch“ oder „ist geplant“ (was kommt).
- Sammeln Sie Rückfragen, die Sie ohne Nachdenken sagen können: „Kannst du das bitte noch mal sagen?“ „Was ist bei ihr noch offen?“ „Bis wann?“ „Habe ich richtig verstanden, dass …?“
- Fassen Sie am Ende zusammen. Ein Satz pro Zimmer: „Also: Zimmer 12, Tochter ruft um drei an, Trinkmenge eintragen.“ So merken beide Seiten, ob etwas fehlt.
- Hören Sie mit Notizblatt zu. Ein eigenes, einfaches Raster mit Zimmer, Was war, Stand, Offen hilft, beim Tempo mitzukommen.
- Sprechen Sie laut, am besten mit einer Kollegin, die Ihnen Rückmeldung gibt. Übergeben ist Sprechen, nicht Lesen.
Wenn Sie neue Kolleginnen einarbeiten: Sprechen Sie in den ersten Wochen etwas langsamer, nennen Sie Zimmer und Namen deutlich, und laden Sie ausdrücklich zu Rückfragen ein: „Frag ruhig, wenn was unklar ist.“ Ein Satz, der viel Unsicherheit nimmt.
Wie PflegeMate dabei helfen kann
PflegeMate ist keine Übergabe-Software und kein Übergabetraining. Die App hilft aber beim Wortschatz, aus dem Übergaben bestehen: Zu jedem Begriff gibt es neben dem Satz an den Patienten einen kurzen Satz an die Kollegin und einen sachlichen Satz für die Meldung an den Arzt. Gerade diese beiden Sätze klingen oft schon wie ein Stück Übergabe. Wer sie laut spricht, übt genau die verkürzten Formen, die im Dienstzimmer fallen.
PflegeMate ist eine reine Sprachlernhilfe. Sie ersetzt weder die Einarbeitung noch die Übergabe-Regeln Ihres Hauses. Was die App kann, haben wir zum Start beschrieben; mehr auf der Seite zu PflegeMate.
Häufige Fragen
Wie lerne ich, eine Übergabe auf Deutsch zu machen? Mit einem festen Ablauf (wer, was war, Stand, was ist offen), den passenden Zeitformen und viel lautem Üben. Fragen Sie Ihre Station nach der Vorlage, die dort genutzt wird.
Ist es unhöflich, in der Übergabe nachzufragen? Nein. Rückfragen gehören zu einer sicheren Übergabe (Eggins & Slade, 2015). Kurz und konkret nachfragen ist professionell.
Was ist SBAR? Ein Schema für Meldungen und Übergaben: Situation, Hintergrund (Background), Einschätzung (Assessment), Empfehlung (Recommendation). Viele Häuser nutzen es oder eine eigene Variante (Müller et al., 2018).
Duzt man sich bei der Übergabe? In vielen Teams ja, aber nicht überall. Im Zweifel fragen.
Quellen
- Eggins, S. & Slade, D. (2015). Communication in clinical handover: Improving the safety and quality of the patient experience. Journal of Public Health Research, 4(3), 666. https://doi.org/10.4081/jphr.2015.666
- Müller, M., Jürgens, J., Redaèlli, M., Klingberg, K., Hautz, W. E. & Stock, S. (2018). Impact of the communication and patient hand-off tool SBAR on patient safety: A systematic review. BMJ Open, 8(8), e022202. https://doi.org/10.1136/bmjopen-2018-022202
- Pun, J., Chan, E. A., Eggins, S. & Slade, D. (2020). Training in communication and interaction during shift-to-shift nursing handovers in a bilingual hospital: A case study. Nurse Education Today, 84, 104212. https://doi.org/10.1016/j.nedt.2019.104212
- Riesenberg, L. A., Leitzsch, J. & Cunningham, J. M. (2010). Nursing handoffs: A systematic review of the literature. American Journal of Nursing, 110(4), 24–34. https://doi.org/10.1097/01.NAJ.0000370154.79857.09
- Starmer, A. J., Spector, N. D., Srivastava, R., West, D. C., Rosenbluth, G., Allen, A. D. et al. (2014). Changes in medical errors after implementation of a handoff program. New England Journal of Medicine, 371(19), 1803–1812. https://doi.org/10.1056/NEJMsa1405556
Lernwunder-Redaktion · Chaolan Lu
