Kurz gesagt: Viele Erstklässler lernen gerade erst lesen. Eine Mathe-App, die Lesen voraussetzt, misst dann eher Lesen als Rechnen. Lesen und Mathematik hängen eng zusammen, und sprachlich einfachere Aufgaben helfen besonders Kindern, für die Sprache eine Hürde ist. Es gibt zwei Wege, das Lesen aus dem Weg zu räumen: Texte vorlesen oder eine App so gestalten, dass sie kaum Text braucht. Wir setzen in Zahlzerlegung auf den zweiten Weg.
Eine erfundene, aber typische Szene: Ein Junge, sechs Jahre alt, seit einem halben Jahr in der Schule, öffnet eine Mathe-App. Oben steht: „Ziehe die Zahl in das Feld, die zusammen mit 3 die 8 ergibt.“ Er tippt irgendwo hin, dann woanders, dann ruft er: „Mama, was soll ich machen?“ Die Rechnung 8 = 3 + 5 kann er längst. Den Satz darüber noch nicht.
Wie eng hängen Lesen und Rechnen zusammen?
Enger, als man denkt. Eine Metaanalyse über 344 Studien mit mehr als 360.000 Teilnehmenden fand einen mittleren Zusammenhang zwischen sprachlichen und mathematischen Fähigkeiten (r = 0,42). Je komplexer die Aufgaben, desto stärker der Zusammenhang. Und beide Bereiche sagten die Entwicklung des jeweils anderen voraus, auch wenn man den Ausgangsstand berücksichtigte (Peng et al., 2020).
Besonders deutlich wird das bei Textaufgaben. In einer Studie mit 225 Viertklässlern hing die Leistung bei mathematischen Textaufgaben stark mit dem Leseverständnis zusammen, selbst nachdem man berücksichtigt hatte, wie flüssig die Kinder lasen (Vilenius-Tuohimaa, Aunola & Nurmi, 2008). Wer eine Textaufgabe nicht versteht, kann sie nicht lösen, egal wie gut er rechnet.
Was passiert, wenn man die Sprache vereinfacht?
Das hat eine Forschungsgruppe an Mathematikaufgaben aus einem großen amerikanischen Schultest geprüft. Sie formulierte die Aufgaben sprachlich einfacher, ohne die Mathematik zu ändern. In Interviews bevorzugten die Jugendlichen meist die vereinfachten Fassungen, und im Test mit 1.174 Achtklässlern schnitten sie damit etwas besser ab. Am meisten profitierten Schülerinnen und Schüler aus schwächeren Mathekursen, Lernende mit Englisch als Zweitsprache und Kinder aus Familien mit wenig Geld (Abedi & Lord, 2001).
Die Studie stammt aus der achten Klasse, nicht aus der ersten. Der Gedanke lässt sich aber übertragen, und das ist unsere eigene Überlegung: Je weniger Lesen eine Aufgabe verlangt, desto eher misst sie das, was sie messen soll.
Hilft es, die Texte einfach vorzulesen?
Teilweise. Zwei Metaanalysen haben untersucht, was Vorlesen in Tests bringt. Beide fanden, dass Kinder mit und ohne Beeinträchtigung profitieren, Kinder mit Beeinträchtigung stärker. Aber: In Lesetests war der Effekt deutlich größer als in Mathetests. Bei Mathe waren die Gewinne im Mittel klein (Buzick & Stone, 2014; Li, 2014). Außerdem wirkte Vorlesen durch einen Menschen stärker als durch eine Computerstimme oder eine Aufnahme (Li, 2014).
Die Studien betreffen überwiegend ältere Schulkinder und Prüfungen, keine Lern-Apps für Erstklässler. Sie zeigen aber: Vorlesen ist eine Hilfe, kein Allheilmittel. Wer eine Aufgabe zwar hört, aber den langen Satz nicht im Kopf behält, steht vor derselben Hürde.

Was bedeutet „Universal Design for Learning“?
Universal Design for Learning, kurz UDL, ist ein Rahmen für Lernangebote, die von Anfang an für möglichst alle Lernenden zugänglich sein sollen. Die aktuellen Leitlinien empfehlen unter anderem, Informationen auf mehreren Wegen wahrnehmbar zu machen, das Entschlüsseln von Text, mathematischer Schreibweise und Symbolen zu unterstützen und Inhalte über verschiedene Medien zu zeigen (CAST, 2024).
Für eine Mathe-App für Sechsjährige heißt das: Lesen sollte nie die Eintrittskarte zum Rechnen sein. Ob das über Sprache, Bilder oder beides gelöst wird, hängt davon ab, was die App vermitteln will.

Was Sie tun können
- Der Test ohne Erklärung. Geben Sie Ihrem Kind eine neue App und sagen Sie nichts. Kommt es allein zurecht? Wenn nicht, liegt es oft an Texten.
- Textaufgaben vorlesen. Bei den Hausaufgaben gilt: Lesen ist eine eigene Aufgabe. Lesen Sie Rechengeschichten vor, damit das Rechnen im Mittelpunkt steht.
- Rechengeschichten erzählen. „Auf dem Teller liegen acht Kekse. Drei isst du. Wie viele bleiben?“ Gesprochene Mathe ist die beste Vorbereitung auf geschriebene.
- Bilder vor Wörter. Punktbilder, Finger und Würfelbilder transportieren Mengen ohne ein einziges Wort.
- In der Familiensprache über Mathe sprechen. Sprache und Mathe stärken sich gegenseitig (Peng et al., 2020). Das gilt in jeder Sprache.
- Erst zeigen, dann loslassen. Eine kurze Vorführung reicht oft, damit ein Kind eine textfreie App allein bedienen kann.
Wie wir es in Zahlzerlegung gelöst haben
Unsere App Zahlzerlegung spricht nicht. Sie hat keine Sprachausgabe und überhaupt keine Töne. Wir haben uns stattdessen für den zweiten Weg entschieden: Die App kommt fast ohne Text aus.
- Die Aufgabe ist das Bild. Oben steht das Ganze, darunter zwei Teile, einer fehlt. Es gibt keinen Aufgabensatz, der gelesen werden muss.
- Zahlen mit Mengenbild. Jede Zahltaste zeigt die Ziffer und ein Mengenbild. Ein Kind, das die 7 noch nicht sicher erkennt, sieht sieben Punkte. Warum wir verschiedene Mengenbilder anbieten, steht in einem eigenen Beitrag.
- Rückmeldung ohne Worte. Ob eine Antwort stimmt, zeigen ein farbiger Rahmen und die Lösung, nicht ein Satz.
- Text nur, wo Erwachsene handeln. Wörter gibt es fast nur beim Anlegen eines Kinderprofils und in den Einstellungen.
Das hat auch Grenzen, und die nennen wir offen: Ohne Sprache kann die App nichts erklären. Beim ersten Mal braucht ein Kind meist eine kurze Vorführung durch einen Erwachsenen. Und die App ist bisher nur auf Deutsch erschienen, auch wenn sie fast ohne Deutsch auskommt.
Sprechen kann eine App trotzdem sinnvoll sein, nämlich wenn die Sprache selbst das Lernziel ist. In PflegeMate, unserer Sprachlernhilfe für Pflegefachbegriffe, ist jeder Begriff und jeder Beispielsatz eingesprochen, weil es dort genau um Aussprache und Hören geht. Mehr dazu im Beitrag zum Start von PflegeMate.
Häufige Fragen
Muss eine Mathe-App für die erste Klasse sprechen? Nicht unbedingt. Sie muss ohne Lesen funktionieren. Das geht über Sprachausgabe oder über eine Gestaltung fast ohne Text.
Hilft Vorlesen bei Matheaufgaben? Ein wenig. In Metaanalysen waren die Gewinne in Mathetests im Mittel klein, in Lesetests größer (Buzick & Stone, 2014; Li, 2014).
Mein Kind liest schon gut. Spielt das dann noch eine Rolle? Weniger. Aber auch gute Leser profitieren davon, wenn eine Aufgabe nicht mehr Sprache verlangt als nötig (Abedi & Lord, 2001).
Ist Zahlzerlegung für Kinder mit anderer Familiensprache geeignet? Die App braucht kaum Deutsch, um bedient zu werden. Sie ist aber nur auf Deutsch erschienen und erklärt nichts in anderen Sprachen.
Quellen
- Abedi, J. & Lord, C. (2001). The language factor in mathematics tests. Applied Measurement in Education, 14(3), 219–234. https://doi.org/10.1207/S15324818AME1403_2
- Buzick, H. & Stone, E. (2014). A meta-analysis of research on the read aloud accommodation. Educational Measurement: Issues and Practice, 33(3), 17–30. https://doi.org/10.1111/emip.12040
- CAST (2024). Universal Design for Learning Guidelines version 3.0. https://udlguidelines.cast.org/
- Li, H. (2014). The effects of read-aloud accommodations for students with and without disabilities: A meta-analysis. Educational Measurement: Issues and Practice, 33(3), 3–16. https://doi.org/10.1111/emip.12027
- Peng, P., Lin, X., Ünal, Z. E., Lee, K., Namkung, J., Chow, J. & Sales, A. (2020). Examining the mutual relations between language and mathematics: A meta-analysis. Psychological Bulletin, 146(7), 595–634. https://doi.org/10.1037/bul0000231
- Vilenius-Tuohimaa, P. M., Aunola, K. & Nurmi, J.-E. (2008). The association between mathematical word problems and reading comprehension. Educational Psychology, 28(4), 409–426. https://doi.org/10.1080/01443410701708228
Lernwunder-Redaktion · Chaolan Lu
