Kurz gesagt: Wer ein neues Fachwort mit einer Erklärung in der eigenen Sprache lernt, behält es in vielen Studien besser als mit einer Erklärung nur in der Fremdsprache. Die Muttersprache ist dabei eine Brücke zur Bedeutung, kein Ersatz für Deutsch: Sprechen, Hören und die Sätze auf Station müssen auf Deutsch geübt werden. Genau so ist PflegeMate gebaut.
Eine Szene, ausgedacht: Frühdienst, zweite Woche. Die Kollegin sagt: „Leg bei Frau Müller bitte die Klingelmatte aus.“ Oksana hat in Kiew fünf Jahre als Pflegefachkraft gearbeitet. Was eine Sturzprophylaxe ist, weiß sie genau. Nur das Wort „Klingelmatte“ kennt sie nicht. Eine Matte, die klingelt? Erst als sie liest, dass es ein Bodenkissen mit Sensor ist, das Alarm gibt, wenn jemand aufsteht, ist alles klar. Auf Ukrainisch hätte sie dafür keine Sekunde gebraucht.
Genau darum geht es in diesem Beitrag: Internationale Pflegekräfte bringen ihr Fachwissen mit. Was fehlt, ist oft nur die deutsche Form. Die Frage ist, ob die eigene Sprache beim Lernen hilft oder im Weg steht.
Darf man beim Deutschlernen die eigene Sprache benutzen?
Lange galt im Sprachunterricht die Regel: nur die Zielsprache, keine Übersetzung. Eine große Übersichtsarbeit zeigt, dass diese Annahme seit einigen Jahren zunehmend in Frage gestellt wird. Die eigene Sprache wird in Kursräumen weltweit genutzt, und es gibt psycholinguistische, lerntheoretische und soziale Argumente dafür, sie gezielt einzusetzen statt zu verbieten (Hall & Cook, 2012).
Ein älterer, viel zitierter Gedanke stammt aus der Forschung zu zweisprachigen Kindern: Was jemand in der ersten Sprache schon kann, ist eine Grundlage für die zweite (Cummins, 1979). Die Arbeit bezieht sich auf Schulkinder, nicht auf Erwachsene im Beruf. Der Grundgedanke passt aber gut zur Pflege: Wer weiß, was eine Sturzprophylaxe ist, muss nur noch das deutsche Etikett an ein bekanntes Konzept hängen.
Was zeigen Studien zum Wortschatzlernen?
Hier ist die Lage recht klar, mit einigen Einschränkungen.
In einer Studie mit Englischlernenden wurden neue Wörter entweder in die Muttersprache übersetzt oder auf Englisch erklärt. Die Wörter mit Übersetzung wurden in allen Bedingungen besser behalten, kurz- wie langfristig (Laufer & Shmueli, 1997).
Eine Studie mit chinesischsprachigen Erwachsenen verglich Erklärungen der Lehrkraft in der Erstsprache mit Erklärungen nur auf Englisch, je 50 Personen pro Gruppe. Mit Erklärungen in der Erstsprache lernten die Teilnehmenden mehr Wörter, im Test direkt danach und im späteren Test (Zhao & Macaro, 2016).
Eine dritte Studie mit über 700 Lernenden in Korea fand Vorteile der Erstsprache bei Kindern und bei Erwachsenen an der Universität. Bei den Kindern war der Vorteil größer (Lee & Macaro, 2013). Für erwachsene Pflegekräfte heißt das: Die Muttersprache hilft auch noch, aber sie ist umso weniger nötig, je besser das Deutsch schon ist.
Wichtig ist, was diese Studien messen: das Behalten der Bedeutung neuer Wörter. Ob jemand das Wort auf Station auch richtig ausspricht, mit Artikel verwendet und im Satz an der richtigen Stelle sagt, prüfen sie nicht.

Was bedeutet Translanguaging?
Translanguaging beschreibt, wie mehrsprachige Menschen ihre Sprachen tatsächlich nutzen: nicht säuberlich getrennt, sondern als ein Repertoire, aus dem sie je nach Situation schöpfen (Li, 2018). Für den Unterricht folgt daraus, mehrere Sprachen bewusst zuzulassen.
Im Krankenhaus ist das Alltag. In Interviews mit 78 Beschäftigten zweier zweisprachiger Kliniken in Hongkong beschrieben die Befragten, wie bei der Übergabe Sprachen gemischt werden. Die Studie schlägt vor, das in die Übergabestruktur einzubeziehen, und fordert mehr Forschung dazu, wie das sicher gelingt (Pun, 2021). Wie eine Übergabe auf Deutsch aufgebaut ist, haben wir im Beitrag Übergabe auf Deutsch beschrieben.
Wo liegen die Grenzen?
Eine Befragung von Medizinstudierenden zu mehrsprachigem Lernen nannte neben Vorteilen für das Verstehen auch ein klares Risiko: dass man sich zu sehr auf die eigene Sprache verlässt (Alasmari & Alaqlobi, 2025). Das deckt sich mit unserer Sicht:

- Die Brücke führt zur Bedeutung, nicht zum Satz. Wer nur die Übersetzung liest, kann das Wort noch lange nicht sagen.
- Mit Patientinnen und im Team wird Deutsch gesprochen. Die eigene Sprache hilft beim Lernen, nicht als Ausweg im Gespräch.
- Übersetzungen sind nie perfekt. Viele Pflegewörter haben keine genaue Entsprechung, und jede Übersetzung kann danebenliegen. Im Zweifel gilt, was auf Ihrer Station gesagt wird.
- Keine Wortliste ersetzt Dolmetschen. Für Aufklärung und Diagnosen braucht es Dolmetscherinnen oder Kolleginnen mit der passenden Sprache.
Was Sie tun können
Wenn Sie Pflegedeutsch lernen:
- Erst raten, dann nachsehen. Lesen Sie den deutschen Satz und überlegen Sie, was das Wort bedeuten könnte. Erst danach die Erklärung in Ihrer Sprache lesen.
- Bedeutung in Ihrer Sprache, Form auf Deutsch. Schreiben Sie in Ihr Heft links das deutsche Wort mit Artikel und einem ganzen Satz, rechts ein Stichwort in Ihrer Sprache. Nicht umgekehrt.
- Laut auf Deutsch üben. Die Übersetzung lesen Sie still, den deutschen Satz sprechen Sie laut.
- Weniger nachsehen mit der Zeit. Wenn Sie ein Wort dreimal ohne Erklärung verstanden haben, lassen Sie sie beim nächsten Mal weg.
Wenn Sie neue Kolleginnen einarbeiten:
- Nach dem Konzept fragen. „Wie heißt das in Ihrer Sprache?“ zeigt schnell, ob nur das Wort fehlt oder auch die Sache.
- Die gemeinsame Sprache nutzen, dann wechseln. Wenn zwei Kolleginnen dieselbe Sprache sprechen, darf eine schwierige Sache dort erklärt werden. Danach wird sie auf Deutsch noch einmal gesagt.
Wie wir es in PflegeMate gelöst haben
Seit dem Start im Januar zeigt PflegeMate zu jedem Begriff eine Übersetzung und eine kurze Erklärung in der eigenen Sprache. Mit der Version 2.0 im März kamen neue Begriffe und Kategorien dazu, und seitdem lässt sich jeder Begriff mit seinen Beispielsätzen auf Deutsch anhören. Zur Wahl stehen zehn Sprachen: Arabisch, Chinesisch, Englisch, Französisch, Kroatisch/Serbisch, Polnisch, Rumänisch, Spanisch, Türkisch und Ukrainisch.
Beim Aufbau haben wir drei Entscheidungen getroffen:
Deutsch steht oben, die eigene Sprache darunter. Groß und zuerst erscheint das deutsche Wort mit Artikel, daneben der Knopf zum Anhören. Die Übersetzung steht kleiner darunter.
Die Erklärung kommt auf Abruf. Die Erklärung in der eigenen Sprache ist zunächst eingeklappt. Wer sie braucht, tippt auf die Übersetzung und klappt sie auf. So bleibt Zeit, selbst zu überlegen, und wer ein Wort schon kennt, wird nicht abgelenkt.
Gehört wird nur Deutsch. Zu jedem der drei Beispielsätze steht die Übersetzung direkt darunter, aber nur der deutsche Satz hat einen Knopf zum Anhören. Die eigene Sprache braucht man nicht zu üben.
Die Sprache wählt man beim ersten Start und kann sie in den Einstellungen jederzeit wechseln. Die Oberfläche der App selbst ist Deutsch. Und wer ein deutsches Wort nicht kennt, kann auch in der eigenen Sprache danach suchen.
Übersetzungen können Fehler enthalten. Wenn Ihnen eine Erklärung merkwürdig vorkommt, fragen Sie auf Station nach. PflegeMate ist eine Sprachlernhilfe, kein medizinisches Nachschlagewerk und keine Prüfungsvorbereitung.
Häufige Fragen
Lerne ich langsamer Deutsch, wenn ich viel übersetze? Für das Behalten neuer Wörter hilft die eigene Sprache in vielen Studien. Sprechen und Hören lernen Sie aber nur auf Deutsch. Nutzen Sie die Übersetzung für die Bedeutung und üben Sie dann den deutschen Satz.
Meine Sprache ist nicht dabei. Hilft die App trotzdem? Sie können eine der zehn Sprachen wählen, die Sie gut lesen, etwa Englisch oder Französisch. Das Bild, der deutsche Satz und die Aussprache helfen unabhängig davon.
Sollte ich die Erklärung immer aufklappen? Nur wenn Sie unsicher sind. Versuchen Sie es zuerst ohne.
Mehr zur App finden Sie auf der Seite zu PflegeMate.
Quellen
- Alasmari, M. & Alaqlobi, O. (2025). A SWOT analysis of translanguaging in healthcare education: Overcoming language barriers for future professionals. BMC Medical Education, 26, 104. https://doi.org/10.1186/s12909-025-08271-8
- Cummins, J. (1979). Linguistic interdependence and the educational development of bilingual children. Review of Educational Research, 49(2), 222–251. https://doi.org/10.3102/00346543049002222
- Hall, G. & Cook, G. (2012). Own-language use in language teaching and learning. Language Teaching, 45(3), 271–308. https://doi.org/10.1017/S0261444812000067
- Laufer, B. & Shmueli, K. (1997). Memorizing new words: Does teaching have anything to do with it? RELC Journal, 28(1), 89–108. https://doi.org/10.1177/003368829702800106
- Lee, J. H. & Macaro, E. (2013). Investigating age in the use of L1 or English-only instruction: Vocabulary acquisition by Korean EFL learners. The Modern Language Journal, 97(4), 887–901. https://doi.org/10.1111/j.1540-4781.2013.12044.x
- Li, W. (2018). Translanguaging as a practical theory of language. Applied Linguistics, 39(1), 9–30. https://doi.org/10.1093/applin/amx039
- Pun, J. (2021). Clinical handover in a bilingual setting: Interpretative phenomenological analysis to exploring translanguaging practices for effective communication among hospital staff. BMJ Open, 11(9), e046494. https://doi.org/10.1136/bmjopen-2020-046494
- Zhao, T. & Macaro, E. (2016). What works better for the learning of concrete and abstract words: Teachers’ L1 use or L2-only explanations? International Journal of Applied Linguistics, 26(1), 75–98. https://doi.org/10.1111/ijal.12080
Lernwunder-Redaktion · Chaolan Lu
