Kurz gesagt: Rechenschwierigkeiten erkennt man in Klasse 1 und 2 weniger an einzelnen Fehlern als an Mustern, die über Monate bleiben: Ein Kind zählt auch einfache, oft geübte Aufgaben weiter an den Fingern ab, verbindet Zahlen nur mühsam mit Mengen oder kann kleine Mengen nicht auf einen Blick erfassen. Eine Rechenstörung (Dyskalkulie) betrifft etwa 3 bis 7 Prozent der Kinder und kann nur von Fachleuten festgestellt werden. Früh hinzuschauen lohnt sich: Gezielte Förderung wirkt.

Eine Szene, die wir erfunden haben, die aber viele Eltern so erleben: Ende der ersten Klasse. Bei 7 + 2 streckt Ben sieben Finger aus, dann noch zwei, und zählt alle neun einzeln ab. Bei 9 − 1 dasselbe, nur rückwärts. Seine Mutter fragt sich: Ist das noch normal, oder sollten wir etwas tun?

Dieser Beitrag hilft beim Einordnen. Er ersetzt keine Diagnose. Wenn Sie sich Sorgen machen, ist die Lehrkraft Ihres Kindes die erste Ansprechperson.

Rechenschwierigkeiten, Rechenschwäche, Rechenstörung: Was ist was?

Rechenschwierigkeiten ist ein weiter Begriff. Er beschreibt, dass ein Kind beim Rechnenlernen deutlich mehr Mühe hat als andere, aus welchem Grund auch immer: verpasster Unterricht, fehlende Übung, Angst, Sprache oder eben eine echte Lernstörung.

Eine Rechenstörung, auch Dyskalkulie genannt, ist enger gefasst. Gemeint sind ausgeprägte, anhaltende Probleme mit den Grundrechenarten und dem Abruf von Rechenfakten, die nicht durch eine geringe Intelligenz oder unzureichenden Unterricht erklärt werden. Betroffen sind etwa 3 bis 7 Prozent der Kinder (Haberstroh & Schulte-Körne, 2019); eine ältere Übersicht nennt rund 5 Prozent der Grundschulkinder (Kaufmann & von Aster, 2012). Diagnostiziert wird sie anhand eines standardisierten Tests, der Vorgeschichte, einer Untersuchung und der psychosozialen Situation des Kindes, nicht anhand einer Klassenarbeit (Haberstroh & Schulte-Körne, 2019). Den Unterschied der Begriffe beleuchten wir später noch genauer.

Welche Anzeichen gibt es in Klasse 1 und 2?

Eine deutsche Leitlinie zur Rechenstörung, zusammengefasst von Haberstroh und Schulte-Körne (2019), beschreibt typische Merkmale. Für die ersten beiden Schuljahre lassen sie sich so übersetzen:

  • Zahl und Menge passen nicht zusammen. Die Ziffer 6 und sechs Äpfel sind für das Kind zwei verschiedene Dinge. Dass zwei Äpfel und ein Apfel dasselbe sind wie 2 + 1, bleibt unklar.
  • Kleine Mengen werden immer gezählt. Auch drei oder vier Punkte erkennt das Kind nicht auf einen Blick.
  • Vergleichen fällt schwer. Welche Zahl ist größer, 7 oder 9? Wo liegt die 8 auf dem Zahlenstrahl?
  • Zählendes Rechnen bleibt. 8 + 4 wird als „9, 10, 11, 12“ gelöst, nicht über „8 + 2 + 2“. Der Übergang zu nicht zählenden Strategien gelingt nicht.
  • Zahlen lesen und schreiben (Zahlwort, Ziffer, Menge) gelingt unsicher, später auch Zehner und Einer.

Zwei Sätze aus der Leitlinienübersicht sind uns besonders wichtig. Erstens: Fingerzählen an sich ist kein Zeichen einer Rechenstörung, sondern eine normale Hilfe beim Lernen. Auffällig ist anhaltendes Fingerzählen bei einfachen, oft wiederholten Aufgaben. Zweitens: Nicht dass ein Kind Fehler macht, ist entscheidend, sondern wie vielfältig, wie anhaltend und wie häufig sie sind (Haberstroh & Schulte-Körne, 2019).

Grafik: Normal oder genauer hinsehen? Vier Beispiele aus Klasse 1 und 2 im Vergleich: Zählen mit Fingern am Schulanfang ist normal, bei einfachen Aufgaben nach Monaten auffällig; einzelne Fehler sind normal, viele verschiedene, anhaltende Fehler auffällig.

Gibt es schon vor der Schule Hinweise?

Ja, aber vorsichtig zu lesen. Eine Übersichtsarbeit nennt Merkmale, die im Kindergartenalter auf spätere Schwierigkeiten hinweisen können: Zahlen vergleichen (welche Ziffer ist größer), wie weit die Zählstrategien entwickelt sind, Zahlen flüssig erkennen und das Arbeitsgedächtnis. Fast alle Kinder mit Rechenschwierigkeiten haben später Mühe, einfache Aufgaben wie 6 + 3 sicher und schnell abzurufen. Zugleich betont die Arbeit: Bei vielen Kindern sind frühe Schwierigkeiten nicht dauerhaft (Gersten et al., 2005).

Was den Unterschied macht, ist die Dauer. In einer großen US-Studie lernten Kinder, deren Schwierigkeiten im Herbst und im Frühjahr des Kindergartenjahres bestanden, in den folgenden fünf Jahren am langsamsten dazu. Kinder, die ihre Schwierigkeiten bis zum Frühjahr überwunden hatten, lernten schneller als sie, wenn auch noch etwas langsamer als Kinder ganz ohne Schwierigkeiten (Morgan et al., 2009). Ein einzelnes schwaches Ergebnis ist also kein Grund zur Sorge, anhaltende Muster schon.

Was hilft wirklich?

Die gute Nachricht zuerst: Förderung wirkt. Über alle in der Leitlinie ausgewerteten Studien lag die mittlere Wirkung bei d = 0,52, einem mittleren Effekt. Am besten wirkten Förderungen, die gezielt an den mathematischen Inhalten ansetzen, mit denen das Kind Probleme hat (Haberstroh & Schulte-Körne, 2019). Die Leitlinie empfiehlt außerdem:

  • früh beginnen, in den ersten Grundschuljahren,
  • durch geschulte Fachleute, möglichst einzeln,
  • begleitende Probleme mitbehandeln, etwa Lese-Rechtschreib- Schwierigkeiten, Aufmerksamkeitsprobleme oder Ängste.

Das ist wichtig, weil eine Rechenstörung ohne gezielte Hilfe in der Regel nicht von selbst verschwindet und häufig mit Ängsten und einem sinkenden Selbstwert einhergeht (Kaufmann & von Aster, 2012). Wie eng Angst und Leistung zusammenhängen, haben wir im Beitrag über Matheangst bei Kindern beschrieben.

An wen kann ich mich wenden?

  1. Die Klassenlehrkraft. Sie sieht Ihr Kind im Vergleich zur Klasse und kann einschätzen, ob die Schwierigkeiten ungewöhnlich sind.
  2. Die Kinderärztin oder der Kinderarzt. Kinderärzte spielen eine wichtige Rolle beim frühen Erkennen und beraten zu weiteren Schritten (Kaufmann & von Aster, 2012).
  3. Fachstellen für Diagnostik, etwa Kinder- und Jugendpsychiatrie oder -psychotherapie, je nach Bundesland auch schulpsychologische Beratungsstellen. Normierte Tests gibt es ab dem Ende der ersten Klasse (Haberstroh & Schulte-Körne, 2019).

Was Sie tun können

  1. Beobachten statt testen. Notieren Sie über einige Wochen, wie Ihr Kind rechnet: zählt es alles einzeln, zählt es weiter, oder nutzt es schon Zerlegungen wie 8 + 4 = 8 + 2 + 2?
  2. Fragen, wie es gedacht hat. „Wie hast du das gerechnet?“ verrät mehr als das Ergebnis.
  3. Mengen sehen üben. Würfelbilder, Finger-Bilder und Punktreihen blitzschnell zeigen: „Wie viele, ohne zu zählen?“
  4. Zahlen zerlegen. Warum die Zerlegung wie 8 = 5 + 3 so wichtig ist, steht in unserem Beitrag zur Zahlzerlegung.
  5. Den Selbstwert schützen. Etiketten wie „Matheniete“ vermeiden, Fortschritte benennen, auch kleine.
  6. Nicht abwarten, wenn Muster bleiben. Sprechen Sie mit der Schule, wenn sich über ein halbes Jahr wenig bewegt.

Warum uns das beschäftigt

Rechenschwierigkeiten werden oft spät erkannt, und bis dahin hat ein Kind viele Misserfolge gesammelt. Wir können keine Diagnose ersetzen und keine Therapie. Was uns interessiert, sind die Grundlagen, an denen fast alle Anzeichen hängen: Mengen sehen, Zahlen zerlegen, vom Zählen zum Rechnen kommen. Daran arbeiten wir.

Häufige Fragen

Ist mein Kind rechenschwach, wenn es noch mit den Fingern rechnet? Nicht automatisch. Fingerzählen ist am Anfang eine normale Hilfe. Genauer hinsehen sollte man, wenn ein Kind auch einfache, oft geübte Aufgaben nach Monaten noch Schritt für Schritt abzählt (Haberstroh & Schulte-Körne, 2019).

Ab wann kann man eine Rechenstörung feststellen? Normierte Tests gibt es ab dem Ende der ersten Klasse. Die Diagnose stellen Fachleute mit Test, Vorgeschichte und Untersuchung (Haberstroh & Schulte-Körne, 2019).

Wächst sich das aus? Frühe Schwierigkeiten sind bei vielen Kindern nicht dauerhaft (Gersten et al., 2005). Eine echte Rechenstörung bessert sich ohne gezielte Förderung aber meist nicht (Kaufmann & von Aster, 2012).

Hilft eine Lern-App bei Dyskalkulie? Eine App kann Üben unterstützen, ersetzt aber weder Diagnostik noch Förderung durch Fachleute. Die Leitlinie empfiehlt gezielte Förderung durch geschulte Fachkräfte.

Quellen

  • Gersten, R., Jordan, N. C. & Flojo, J. R. (2005). Early identification and interventions for students with mathematics difficulties. Journal of Learning Disabilities, 38(4), 293–304. https://doi.org/10.1177/00222194050380040301
  • Haberstroh, S. & Schulte-Körne, G. (2019). The diagnosis and treatment of dyscalculia. Deutsches Ärzteblatt International, 116(7), 107–114. https://doi.org/10.3238/arztebl.2019.0107
  • Kaufmann, L. & von Aster, M. (2012). The diagnosis and management of dyscalculia. Deutsches Ärzteblatt International, 109(45), 767–778. https://doi.org/10.3238/arztebl.2012.0767
  • Morgan, P. L., Farkas, G. & Wu, Q. (2009). Five-year growth trajectories of kindergarten children with learning difficulties in mathematics. Journal of Learning Disabilities, 42(4), 306–321. https://doi.org/10.1177/0022219408331037

Lernwunder-Redaktion · Chaolan Lu

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