Kurz gesagt: Für Kinder unter zwei Jahren raten Fachleute von Bildschirmen fast ganz ab, für Zwei- bis Fünfjährige zu höchstens einer Stunde am Tag. In Deutschland gelten für 6- bis 10-Jährige höchstens 45 bis 60 Minuten Bildschirmmedien insgesamt als Orientierung, möglichst nicht täglich. Diese Zahlen beruhen auf eher schwacher Forschung. Für Lern-Apps zählt deshalb neben der Dauer vor allem, was ein Kind am Bildschirm tut. Kurze, regelmäßige Einheiten sind besser als lange Sitzungen.

Eine erfundene, aber typische Frage aus dem Elterngespräch: „Mein Sohn darf am Nachmittag eine halbe Stunde fernsehen. Jetzt hat die Lehrerin eine Mathe-App empfohlen. Zählt die auch zur Bildschirmzeit? Und ist das dann zu viel?“

Die ehrliche Antwort hat zwei Teile: Ja, die Lern-App zählt. Und nein, zehn Minuten Mathe-App und zehn Minuten Zeichentrick sind nicht dasselbe.

Was empfehlen Fachleute?

Die wichtigsten Empfehlungen im Überblick:

  • Weltgesundheitsorganisation (WHO, 2019) für Kinder unter fünf Jahren: unter zwei Jahren keine Bildschirmzeit; mit zwei bis vier Jahren höchstens eine Stunde sitzend vor Bildschirmen am Tag, „weniger ist besser“. Stattdessen werden Vorlesen und Geschichtenerzählen mit einer Bezugsperson empfohlen.
  • Amerikanische Kinderärzte (AAP, 2016): unter 18 Monaten keine Bildschirme außer Videotelefonie; zwischen 18 und 24 Monaten, wenn überhaupt, hochwertige Inhalte und nur gemeinsam; mit zwei bis fünf Jahren höchstens eine Stunde hochwertiger Inhalte, möglichst gemeinsam mit Erwachsenen. Keine Bildschirme beim Essen und in der Stunde vor dem Schlafengehen.
  • Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA, 2020; heute Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit): bis drei Jahre am besten gar nicht; drei bis sechs Jahre zusammen höchstens 30 Minuten; sechs bis zehn Jahre zusammen höchstens 45 bis 60 Minuten Fernsehen, Computer, Konsole, Tablet und Smartphone. Und: möglichst nicht jeden Tag.

Grafik: Empfehlungen zur Bildschirmzeit nach Alter. Unter zwei Jahren: keine (WHO, AAP). Zwei bis fünf Jahre: höchstens eine Stunde am Tag (WHO, AAP), drei bis sechs Jahre höchstens 30 Minuten (BZgA). Sechs bis zehn Jahre: höchstens 45 bis 60 Minuten, möglichst nicht täglich (BZgA).

Die BZgA nennt diese Werte ausdrücklich „ungefähre Richtwerte“: Jedes Kind sei anders. Ihr Hauptgrund für eine Grenze ist, dass Bewegung, gemeinsame Familienzeit und „klassische“ Spiele nicht zu kurz kommen sollen (BZgA, 2020).

Wie sicher sind diese Zahlen?

Weniger sicher, als die runden Werte vermuten lassen. Die WHO bezeichnet ihre Empfehlungen als „stark“, die zugrunde liegenden Belege aber insgesamt als von sehr niedriger Qualität. Für Bildschirmzeit und kognitive Entwicklung fand sie überwiegend ungünstige oder gar keine Zusammenhänge (WHO, 2019).

Ein Beispiel für die bessere Forschung ist eine kanadische Langzeitstudie mit 2.441 Kindern. Mehr Bildschirmzeit mit zwei und drei Jahren ging späteren, etwas schlechteren Ergebnissen in Entwicklungstests voraus, nicht umgekehrt. Die Effekte waren aber klein (Madigan et al., 2019). Und gemessen wurde die gesamte Bildschirmzeit, nicht die Art der Inhalte.

Was sich daraus ableiten lässt: Grenzen sind sinnvoll, vor allem weil Bildschirmzeit andere wichtige Dinge verdrängen kann. Eine exakte „gesunde Minutenzahl“ gibt die Forschung nicht her.

Ist eine Lern-App dasselbe wie ein Video?

Nein. Ein Forschungsteam um Kathy Hirsh-Pasek hat aus der Lernforschung vier Kennzeichen abgeleitet, an denen man gute Lern-Apps erkennt. Kinder lernen, wenn sie aktiv mitdenken statt nur zu tippen, wenn sie bei der Sache bleiben und nicht durch Effekte abgelenkt werden, wenn das Gelernte bedeutsam ist und an ihr Leben anknüpft, und wenn Lernen mit anderen geschieht, etwa im Gespräch mit Erwachsenen (Hirsh-Pasek et al., 2015).

Grafik: Vier Kennzeichen guter Lern-Apps nach Hirsh-Pasek und Kollegen. Aktiv: Denkt mein Kind mit oder tippt es nur? Bei der Sache: Lenkt die App ab? Bedeutsam: Hat es mit dem Leben meines Kindes zu tun? Mit anderen: Sprechen wir darüber?

Dass gut gemachte Apps beim Lernen helfen können, zeigt eine Übersichtsarbeit über 35 kontrollierte Studien mit kleinen Kindern: Es fanden sich Belege für einen Lerngewinn bei frühen schulischen Fähigkeiten, besonders in der frühen Mathematik. Die Autorinnen und Autoren weisen aber darauf hin, dass die Studien sehr unterschiedlich und oft nicht gut dokumentiert waren (Griffith et al., 2020).

Auch die Kinderärzte unterscheiden: Sie raten von schnell geschnittenen Programmen und von Apps mit viel ablenkendem Inhalt ab und empfehlen, Kindern zu helfen, das Gesehene auf die Welt um sie herum zu übertragen (AAP, 2016).

Warum sind kurze Einheiten sinnvoll?

Weil verteiltes Üben besser im Gedächtnis bleibt als geballtes. Eine große Metaanalyse mit 317 Experimenten fand: Wer Lernstoff auf mehrere, zeitlich getrennte Einheiten verteilt, behält ihn besser, als wer dieselbe Zeit am Stück übt (Cepeda et al., 2006). Die meisten dieser Studien prüften das Merken von Wörtern und Fakten, nicht Mathe bei Grundschulkindern. Für das Abrufen von Rechenfakten wie 8 = 5 + 3 halten wir die Übertragung aber für naheliegend.

Praktisch heißt das: Zehn Minuten an vier Tagen bringen mehr als vierzig Minuten an einem Nachmittag. Und sie passen leichter in jede Empfehlung.

Was Sie tun können

  1. Lern-Apps mitzählen. Planen Sie die Lernzeit in das Gesamtbudget ein, statt sie obendrauf zu legen.
  2. Kurz und regelmäßig. Lieber zehn Minuten an mehreren Tagen als eine lange Sitzung am Wochenende.
  3. Gemeinsam anfangen. Die ersten Male mit dabei sein, fragen: „Wie hast du das gemacht?“ Das macht aus Bildschirmzeit ein Gespräch.
  4. Vom Bildschirm in die Welt. Nach der App mit echten Dingen weitermachen: acht Löffel auf zwei Teller verteilen, Treppenstufen in Fünfern zählen.
  5. Feste bildschirmfreie Zeiten. Beim Essen und in der Stunde vor dem Schlafen (AAP, 2016).
  6. Die App selbst prüfen. Gibt es Werbung, Ablenkungen, Druck zum Weiterspielen? Dann lieber eine andere.

Wie wir es in Zahlzerlegung gelöst haben

Unsere App Zahlzerlegung ist so gebaut, dass nichts ein Kind zurück an den Bildschirm zieht: keine Werbung, keine Mitteilungen, keine Tagesserien, keine Töne. Während das Kind rechnet, passiert auf dem Bildschirm nur, was mit der Aufgabe zu tun hat. Warum wir auf Punkte und Serien verzichten, haben wir im Beitrag über Belohnungen beim Lernen erklärt.

Die Lernkartei verteilt das Üben über die Zeit: Neue und falsch gelöste Zerlegungen kommen häufig dran, sicher gelernte nur noch in jeder fünften Übungsrunde zur Kontrolle.

Was die App nicht hat, sagen wir ebenso offen: Sie hat keinen eingebauten Timer und kein automatisches Ende einer Übungsrunde. Wie lange geübt wird, entscheiden Sie. Unsere Empfehlung sind wenige Minuten, dafür regelmäßig. Und dazu echte Plättchen auf dem Tisch, wie im Beitrag zum Zerlegen der Zahlen bis 10 beschrieben.

Häufige Fragen

Zählt eine Lern-App zur Bildschirmzeit? Ja. Die Empfehlungen der BZgA gelten für alle Bildschirmmedien zusammen (BZgA, 2020). Innerhalb dieser Zeit ist eine gute Lern-App aber eine bessere Wahl als vieles andere.

Wie viel ist für ein Kind in der ersten Klasse in Ordnung? Die BZgA nennt für 6- bis 10-Jährige höchstens 45 bis 60 Minuten Bildschirmmedien am Tag, möglichst nicht täglich. Das ist eine Orientierung, keine exakte Grenze.

Schadet Bildschirmzeit dem Gehirn? Dafür gibt es keine sicheren Belege. Studien finden eher kleine Zusammenhänge, und die Qualität der Belege ist niedrig (WHO, 2019; Madigan et al., 2019).

Woran erkenne ich eine gute Lern-App? Daran, dass Ihr Kind aktiv nachdenkt, nicht abgelenkt wird, etwas Sinnvolles lernt und Sie darüber ins Gespräch kommen (Hirsh-Pasek et al., 2015).

Quellen

Lernwunder-Redaktion · Chaolan Lu

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