Kurz gesagt: Mit den Fingern zu rechnen ist am Anfang normal und sinnvoll: Finger helfen Kindern, Zahlen als Mengen zu begreifen. Zum Problem wird es, wenn ein Kind auch einfache, oft geübte Aufgaben über Monate weiter Schritt für Schritt abzählt. Dieses verfestigte zählende Rechnen ist langsam und fehleranfällig und versperrt den Blick auf Zusammenhänge zwischen Zahlen. Der Weg heraus führt nicht über ein Fingerverbot, sondern über Mengenbilder mit Struktur, Zahlzerlegungen und das Ableiten von Aufgaben.

Eine erfundene, aber typische Szene: Mathestunde in Klasse 2. Die Aufgabe heißt 6 + 7. Unter dem Tisch bewegen sich kleine Finger, die Lippen zählen lautlos mit: sieben, acht, neun, zehn, elf, zwölf, dreizehn. Das Ergebnis stimmt. Trotzdem fragt sich die Lehrerin, ob es ein Problem ist, dass Mia im zweiten Schuljahr noch so rechnet.

Was bedeutet zählendes Rechnen?

Zählendes Rechnen heißt: Ein Kind löst eine Rechenaufgabe, indem es zählt, statt mit Zahlen zu operieren. Dabei gibt es Stufen. Bei 8 + 4 kann ein Kind

  1. alles zählen: acht Finger, vier Finger, dann alle zwölf von vorne,
  2. weiterzählen: von acht aus „neun, zehn, elf, zwölf“,
  3. ableiten: „8 + 2 sind 10, und noch 2 sind 12“, oder das Ergebnis einfach wissen.

Die ersten beiden Wege sind Zählstrategien, der dritte nicht. Eine deutsche Leitlinie zur Rechenstörung nennt genau diesen Übergang, vom zählenden Rechnen (9, 10, 11, 12) zu nicht zählenden Strategien (8 + 2 + 2), als zentrale Hürde (Haberstroh & Schulte-Körne, 2019).

Grafik: 8 + 4 auf drei Wegen – alles zählen (zwölf Schritte), weiterzählen (vier Schritte von acht aus) und ableiten über die Zehn (8 + 2 = 10, 10 + 2 = 12).

Sind Finger beim Rechnen schlecht?

Nein. Kinder in vielen Kulturen nutzen ihre Finger zum Zählen und Rechnen, und Finger bieten einen frühen Zugang zu wichtigen Ideen: jedem Ding genau eine Zahl zuordnen und erkennen, dass ein Ganzes aus Teilen besteht (Soylu et al., 2018).

Lange gab es dazu zwei Lager. Die kognitive Neurowissenschaft betont, dass gute fingerbasierte Zahlvorstellungen mit besseren Rechenleistungen zusammenhängen. Die Mathematikdidaktik empfiehlt dagegen, Kinder von den Fingern zu lösen, und zwar in einer bestimmten Reihenfolge: erst Finger, dann strukturierte Darstellungen wie Punktreihen und Zehnerfelder, dann Vorstellungen im Kopf (Moeller et al., 2011). Beides passt zusammen, wenn man auf den Zeitpunkt schaut.

Genau das zeigt eine US-Langzeitstudie mit 217 Kindern vom Kindergartenjahr vor der Schule (Durchschnittsalter 5,7 Jahre) bis zum Ende der zweiten Klasse. Anfangs rechneten Kinder, die ihre Finger nutzten, genauer: Der Zusammenhang zwischen Fingernutzung und richtigen Ergebnissen lag bei 0,60. Bis zum Ende der zweiten Klasse kehrte er sich um und lag bei −0,15. Die Forschenden folgern: Finger helfen am meisten, wenn Kinder Aufgaben neu lernen; dieser Nutzen nimmt mit der Zeit ab (Jordan et al., 2008).

Grafik: Wann Finger helfen – Zusammenhang zwischen Fingernutzung und richtigen Ergebnissen: 0,60 im Kindergartenjahr vor der ersten Klasse, −0,15 am Ende der zweiten Klasse. Längsschnitt mit 217 Kindern.

Wann wird zählendes Rechnen zum Problem?

Wenn es bleibt. Die Leitlinienübersicht formuliert es klar: Fingerzählen an sich ist kein Zeichen einer Rechenstörung. Anhaltendes Fingerzählen, besonders bei einfachen, oft wiederholten Aufgaben, weist aber auf ein Problem hin (Haberstroh & Schulte-Körne, 2019). Fast alle Kinder mit Rechenschwierigkeiten haben Mühe, einfache Aufgaben wie 6 + 3 schnell und sicher abzurufen (Gersten et al., 2005).

Dass sich zählendes Rechnen lange halten kann, zeigt eine Studie mit 200 Schülerinnen und Schülern der siebten Klasse. Weniger als die Hälfte war bei einfachen Additionen wirklich sicher. 35 Prozent zählten überwiegend weiter und kamen dabei richtig an, 16 Prozent zählten und machten häufig Fehler. Wer oft zählte, zeigte schwächere Matheleistungen, auch wenn die Ergebnisse stimmten (Hopkins & Bayliss, 2017).

Aus unserer Sicht liegt der Kern des Problems darin, dass Zählen bei jeder Aufgabe von vorn beginnt. Wer 8 + 4 abzählt, erlebt eine Kette von Schritten, aber nicht die Beziehung „8 und 2 machen 10“. Genau diese Beziehungen braucht ein Kind später für den Zehnerübergang, für größere Zahlen und für das Einmaleins.

Wie kommt ein Kind vom Zählen weg?

Nicht durch Verbote, sondern indem es etwas Besseres in die Hand bekommt:

  • Mengen mit Struktur. Fünf als volle Hand, sieben als „fünf und zwei“. Die Fünfer- und Zehnerstruktur macht Teile sichtbar. Die Fingerreihe allein betont allerdings fast nur die Fünf und die Zehn; andere Zerlegungen brauchen zusätzlich Darstellungen wie Punktfelder (Martignon & Rechtsteiner, 2022).
  • Zahlzerlegung. Wer weiß, dass 8 aus 5 und 3 oder aus 6 und 2 besteht, kann ableiten statt zählen. Mehr dazu in unserem Beitrag zur Zahlzerlegung.
  • Ableiten. Aus bekannten Aufgaben neue gewinnen: 6 + 6 = 12, also ist 6 + 7 eins mehr.

Was Sie tun können

  1. Finger nicht verbieten. Ein Verbot verlagert das Zählen nur unter den Tisch oder in den Kopf.
  2. Fingerbilder zeigen statt zählen. „Zeig mir sieben, ohne zu zählen“: eine volle Hand und zwei Finger auf einmal.
  3. Blitzblick-Spiel. Würfelbilder, Fünferreihen oder Eierkartons kurz zeigen und fragen: „Wie viele?“ Dann: „Wie hast du das so schnell gesehen?“
  4. Partner der Zehn sammeln. 7 und 3, 6 und 4: mit Steckwürfeln, Muggel- steinen oder Fingern, immer mit Blick aufs Ganze.
  5. Nach dem Weg fragen. „Wie hast du gerechnet?“ zeigt, ob ein Kind zählt oder ableitet, ohne es bloßzustellen.
  6. Bei anhaltenden Mustern das Gespräch suchen. Woran Sie Rechenschwierigkeiten erkennen, steht in unserem Beitrag Rechenschwierigkeiten erkennen.

Wie wir es in Zahlzerlegung gelöst haben

Seit wenigen Tagen ist unsere erste Mathe-App Zahlzerlegung im App Store (mehr dazu im Start-Beitrag). Sie übt genau den Schritt weg vom Zählen: die Zerlegungen der Zahlen von 4 bis 10 im Zahlenhaus.

Zwei Entscheidungen hängen direkt mit diesem Beitrag zusammen. Erstens zeigen die Mengenbilder Mengen mit Struktur: Bei Punkten, Strichen und Fingern erscheint die Sieben als volle Fünferreihe und zwei. Zweitens zählt die App nicht nur, ob eine Antwort stimmt, sondern auch, wie schnell sie kommt. Eine Zerlegung gilt erst als gelernt, wenn sie mehrmals richtig und innerhalb von etwa fünf Sekunden gelöst wurde. Wer länger braucht, wird nicht zurückgestuft, übt die Aufgabe aber weiter. So wird aus Abzählen mit der Zeit Wissen. Die App ist auf Deutsch. Sie ersetzt keine Förderung bei einer Rechenstörung.

Häufige Fragen

Darf mein Kind in Klasse 1 mit den Fingern rechnen? Ja. Am Anfang sind Finger eine sinnvolle Hilfe (Jordan et al., 2008; Soylu et al., 2018). Wichtig ist, dass mit der Zeit strukturierte Bilder und Zerlegungen dazukommen.

Ab wann ist Fingerzählen bedenklich? Wenn ein Kind auch einfache, oft geübte Aufgaben über Monate weiter Schritt für Schritt abzählt (Haberstroh & Schulte-Körne, 2019). Ein festes Datum gibt es nicht.

Ist Weiterzählen besser als alles zählen? Es ist ein Fortschritt, bleibt aber eine Zählstrategie. Das Ziel sind Wege wie „erst zur 10, dann weiter“ oder der direkte Abruf.

Hilft es, Fingerrechnen zu verbieten? Nein. Hilfreicher ist es, strukturierte Mengenbilder und Zerlegungen anzubieten, damit das Kind die Finger von selbst nicht mehr braucht (Moeller et al., 2011).

Quellen

  • Gersten, R., Jordan, N. C. & Flojo, J. R. (2005). Early identification and interventions for students with mathematics difficulties. Journal of Learning Disabilities, 38(4), 293–304. https://doi.org/10.1177/00222194050380040301
  • Haberstroh, S. & Schulte-Körne, G. (2019). The diagnosis and treatment of dyscalculia. Deutsches Ärzteblatt International, 116(7), 107–114. https://doi.org/10.3238/arztebl.2019.0107
  • Hopkins, S. & Bayliss, D. (2017). The prevalence and disadvantage of min-counting in seventh grade: Problems with confidence as well as accuracy? Mathematical Thinking and Learning, 19(1), 19–32. https://doi.org/10.1080/10986065.2017.1258613
  • Jordan, N. C., Kaplan, D., Ramineni, C. & Locuniak, M. N. (2008). Development of number combination skill in the early school years: when do fingers help? Developmental Science, 11(5), 662–668. https://doi.org/10.1111/j.1467-7687.2008.00715.x
  • Martignon, L. & Rechtsteiner, C. (2022). The benefits of an interdisciplinary approach to mathematics education on issues around computation in school. Frontiers in Psychology, 13, 533402. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2022.533402
  • Moeller, K., Martignon, L., Wessolowski, S., Engel, J. & Nuerk, H.-C. (2011). Effects of finger counting on numerical development – the opposing views of neurocognition and mathematics education. Frontiers in Psychology, 2, 328. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2011.00328
  • Soylu, F., Lester, F. K. & Newman, S. D. (2018). You can count on your fingers: The role of fingers in early mathematical development. Journal of Numerical Cognition, 4(1), 107–135. https://doi.org/10.5964/jnc.v4i1.85

Lernwunder-Redaktion · Chaolan Lu

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