Kurz gesagt: Farbe kann Lernenden zeigen, was zusammengehört. Studien zum Lernen mit Bildern finden dafür einen mittleren Vorteil, vor allem für Anfänger. Für die Uhr gibt es keinen direkten Wirksamkeitsnachweis, aber einen guten Grund: Viele Kinder beachten anfangs nur einen Zeiger. Blau und Orange bleiben auch bei Rot-Grün-Schwäche unterscheidbar. Wichtig ist, dass Farbe nie das einzige Merkmal ist und mit der Zeit wieder entbehrlich wird, denn echte Uhren sind selten bunt.
Wer im Spielwarenladen Lernuhren anschaut, sieht fast immer farbige Zeiger: mal rot und blau, mal grün und gelb, mal schwarz und rot. Die Idee dahinter leuchtet sofort ein. Zwei Zeiger, zwei Farben, weniger Verwechslung. Aber hilft das wirklich? Und welche Farben sind die richtigen?
Für Tinu Time, unsere App zum Uhr lesen lernen, die gerade entsteht, haben wir uns festgelegt: Stunden sind blau, Minuten orange, beim Zeiger wie bei den Zahlen. In diesem Beitrag erklären wir, was die Forschung dazu sagt, wo sie schweigt und warum wir die Farbe trotzdem nicht allein lassen.
Warum überhaupt Farbe auf der Uhr?
Weil Kinder beim Uhrlesen oft nur einen Zeiger beachten. In einer flämischen Studie mit 725 Kindern war das in der ersten Klasse der häufigste Fehlertyp. Ebenfalls häufig war, die Zahlen auf dem Zifferblatt falsch zu deuten (Burny et al., 2012). Die Zahl 3 heißt eben drei Uhr, wenn der kurze Zeiger darauf zeigt, und 15 Minuten, wenn es der lange tut. Warum das so verwirrend ist, haben wir im Beitrag Warum die Uhr lesen so schwer ist beschrieben.
Die Idee der Farbcodierung: Wenn der Stundenzeiger und die Stundenzahlen dieselbe Farbe haben, und der Minutenzeiger und die Minutenzahlen eine andere, dann zeigt die Farbe, welche Zahl zu welchem Zeiger gehört.
Was sagt die Forschung über Farbe als Lernhilfe?
In der Lernforschung heißt so etwas „Signalisierung“: Hinweise wie Farbe, Pfeile oder Hervorhebungen lenken die Aufmerksamkeit auf das Wichtige und zeigen, was zusammengehört. Eine Metaanalyse über 29 Studien mit 2.726 Teilnehmenden fand für solche Signale einen Vorteil beim Lernen von d = 0,38, also einen kleinen bis mittleren Effekt (Alpizar et al., 2020).
Wie Farbe genau wirkt, hat eine Eye-Tracking-Studie gezeigt: 52 Lernende arbeiteten mit einer Erklärung aus Text und Bild, farbig codiert oder nicht. Mit Farbcodierung behielten sie mehr und konnten das Gelernte besser anwenden. Der Grund: Sie fanden schneller, welcher Teil des Textes zu welchem Teil des Bildes gehörte (Ozcelik et al., 2009). Genau diese Zuordnung ist auch auf der Uhr die Aufgabe.
Wo hat Farbe ihre Grenzen?
Drei Einschränkungen nehmen wir ernst.
Erstens: Es gibt keine Studie zur Uhr. Die genannten Studien stammen überwiegend aus anderen Fächern und oft mit älteren Lernenden. Eine Untersuchung, die farbige Zeiger beim Uhrlernen mit einfarbigen vergleicht, haben wir nicht gefunden. Unsere Entscheidung ist begründet, aber nicht belegt.
Zweitens: Farbe hilft vor allem Anfängern. In einer Feldstudie mit Achtklässlern lernten Schülerinnen und Schüler mit wenig Vorwissen besser mit zusätzlichen Signalen wie Farbcodierung. Bei Lernenden mit viel Vorwissen schadeten dieselben Signale sogar (Richter et al., 2018). Für die Uhr heißt das: Farbe ist eine Hilfe für den Einstieg, keine Dauerlösung.
Drittens: Wer mit Farbe lernt, braucht sie später womöglich. Eine Studie mit Erwachsenen fand die schlechtesten Ergebnisse bei denen, die mit Farbcodierung gelernt hatten und dann ohne Farbe getestet wurden (Skulmowski, 2022). Die Küchenuhr hat aber keine blauen und orangen Zeiger. Wer mit Farbe anfängt, sollte also einplanen, dass sie irgendwann wegfällt.
Warum Blau und Orange, und nicht Rot und Grün?
Weil Rot und Grün für viele Kinder schwer zu unterscheiden sind. Eine erbliche Rot-Grün-Schwäche haben unter Männern europäischer Herkunft etwa 8 Prozent, unter Frauen etwa 0,4 Prozent (Birch, 2012). Rein rechnerisch sitzt damit in vielen Klassen mindestens ein Junge, der Rot und Grün leicht verwechselt.
Okabe und Ito (2008) empfehlen für Darstellungen, die alle lesen können sollen, warme und kühle Farben abzuwechseln und für dünne Linien eher dunkleres Blau und Orange zu verwenden. Wir haben unsere beiden Zeigerfarben mit einem anerkannten Modell zur Simulation von Farbsehschwächen geprüft (Machado et al., 2009). Bei Rot- und bei Grün-Schwäche bleibt der Stundenzeiger blau, der Minutenzeiger wird zu einem gelblichen Oliv. Die beiden bleiben gut unterscheidbar.
Ein Befund hat uns allerdings überrascht: Blau und Orange sind fast gleich hell. In Graustufen, etwa auf einem Schwarz-Weiß-Ausdruck, sind die beiden Zeiger kaum noch an der Farbe zu erkennen. Auch deshalb darf Farbe nie das einzige Merkmal sein.

Was unterscheidet die Zeiger außer der Farbe?
Auf jeder guten Uhr: Länge und Dicke. Der Stundenzeiger ist kurz und breit, der Minutenzeiger lang und schmal. Diese Unterschiede sind auf jeder Küchenuhr, jedem Bahnhof und jeder Armbanduhr zu finden. Farbe ist eine zusätzliche Brücke dorthin, kein Ersatz.
Dazu kommt ein dritter Hinweis, den man selbst einbauen kann: ein Ring mit den Minuten 00, 05, 10 bis 55 am Rand. In derselben Farbe wie der Minutenzeiger zeigt er, was die Zahl unter dem langen Zeiger bedeutet.

Was Sie tun können
- Zwei Farben, überall gleich. Wenn Sie eine Lernuhr kaufen oder selbst basteln, nehmen Sie für Stunde und Minute je eine Farbe und bleiben Sie dabei: auf der Uhr, auf Arbeitsblättern, beim Malen.
- Kein Rot-Grün-Paar. Wählen Sie Farben, die sich auch in der Helligkeit unterscheiden, etwa dunkles Blau und helles Orange.
- Länge und Dicke mitbenennen. Sagen Sie nicht nur „der blaue Zeiger“, sondern „der kurze, dicke Stundenzeiger“.
- Die Farbe ausschleichen. Wenn Ihr Kind sicher ist, üben Sie an einer einfarbigen Uhr weiter, zum Beispiel an der Küchenuhr.
- Bei Unsicherheit nachfragen. Verwechselt Ihr Kind auffällig oft bestimmte Farben, sprechen Sie mit dem Kinderarzt. Ein Farbsehtest ist schnell gemacht.
Woran wir arbeiten
In Tinu Time sollen Stunden immer blau und Minuten immer orange sein: der Stundenzeiger und die Stundenzahlen in Blau, der Minutenzeiger und der Minutenring in Orange. So haben wir es auch im Beitrag Analog vor digital angekündigt. Die Farbe ist nicht das einzige Merkmal: Unser Stundenzeiger ist deutlich kürzer und breiter als der Minutenzeiger.
Wo die Forschung uns zum Nachdenken gebracht hat: Wir planen freischaltbare Uhren-Designs als kleine Belohnung, die Zeiger in anderen Farben zeigen und sich erst nach abgeschlossenen Stufen öffnen. Nach den Befunden zum Ausschleichen kann das sogar sinnvoll sein, weil Kinder dann an Länge und Dicke ablesen müssen. Es kann aber auch verwirren, wenn eine Farbe plötzlich die andere Bedeutung hat. Das klassische Blau-Orange bleibt deshalb immer verfügbar. Wie Kinder mit den Designs zurechtkommen, wollen wir beobachten, bevor wir mehr dazu sagen. Tinu Time ist noch nicht fertig.
Häufige Fragen
Ist eine farbige Lernuhr besser als eine normale? Für den Einstieg spricht viel dafür, einen direkten Nachweis für Uhren gibt es aber nicht. Wichtig ist, später auch an einfarbigen Uhren zu üben (Skulmowski, 2022).
Mein Kind hat eine Rot-Grün-Schwäche. Kann es mit farbigen Zeigern lernen? Mit Blau und Orange in der Regel ja, mit Rot und Grün schlechter. In jedem Fall helfen Länge und Dicke der Zeiger.
Welche Farbe sollte die Stunde haben? Das ist weniger wichtig als die Beständigkeit. Entscheidend ist, dass eine Farbe immer dasselbe bedeutet.
Quellen
- Alpizar, D., Adesope, O. O. & Wong, R. M. (2020). A meta-analysis of signaling principle in multimedia learning environments. Educational Technology Research and Development, 68(5), 2095–2119. https://doi.org/10.1007/s11423-020-09748-7
- Birch, J. (2012). Worldwide prevalence of red-green color deficiency. Journal of the Optical Society of America A, 29(3), 313–320. https://doi.org/10.1364/JOSAA.29.000313
- Burny, E., Valcke, M. & Desoete, A. (2012). Clock reading: An underestimated topic in children with mathematics difficulties. Journal of Learning Disabilities, 45(4), 351–360. https://doi.org/10.1177/0022219411407773
- Machado, G. M., Oliveira, M. M. & Fernandes, L. A. F. (2009). A physiologically-based model for simulation of color vision deficiency. IEEE Transactions on Visualization and Computer Graphics, 15(6), 1291–1298. https://doi.org/10.1109/TVCG.2009.113
- Okabe, M. & Ito, K. (2008). Color Universal Design (CUD): How to make figures and presentations that are friendly to colorblind people. https://jfly.uni-koeln.de/color/
- Ozcelik, E., Karakus, T., Kursun, E. & Cagiltay, K. (2009). An eye-tracking study of how color coding affects multimedia learning. Computers & Education, 53(2), 445–453. https://doi.org/10.1016/j.compedu.2009.03.002
- Richter, J., Scheiter, K. & Eitel, A. (2018). Signaling text–picture relations in multimedia learning: The influence of prior knowledge. Journal of Educational Psychology, 110(4), 544–560. https://doi.org/10.1037/edu0000220
- Skulmowski, A. (2022). When color coding backfires: A guidance reversal effect when learning with realistic visualizations. Education and Information Technologies, 27(4), 4621–4636. https://doi.org/10.1007/s10639-021-10796-6
Lernwunder-Redaktion · Chaolan Lu
