Kurz gesagt: „Viertel vier“ und „Viertel nach drei“ meinen beide 3:15 Uhr. Im Nordwesten Deutschlands zählt man von der vollen Stunde aus, im Osten und in Teilen des Südens auf die nächste Stunde zu („Viertel vier“, „dreiviertel vier“). In der Schweiz heißt es meist „Viertel ab drei“, in Österreich auch „Viertel über drei“. Kinder lernen am leichtesten, wenn sie zuerst eine Form sicher üben und früh hören, dass die andere dasselbe bedeutet.

Eine erfundene, aber typische Szene: Eine Familie zieht im Sommer von Hamburg nach Leipzig. In der neuen Schule sagt die Lehrerin am ersten Tag: „Um dreiviertel neun geht es los.“ Der Sohn, sieben Jahre alt, kennt „Viertel vor neun“. Mit „dreiviertel neun“ kann er nichts anfangen. Er fragt zu Hause, ob das neun Uhr fünfundvierzig ist.

Im Beitrag „Halb vier“: Die verwirrendste Uhrzeit für Kinder haben wir die regionalen Formen nur kurz gestreift. Hier schauen wir sie uns genau an: welche es gibt, wo man sie hört und was Familien daraus machen können.

Was bedeutet „Viertel vier“ eigentlich?

„Viertel vier“ heißt: Ein Viertel des Wegs zur Vier ist geschafft. Es ist also 3:15 Uhr. Dieselbe Logik kennt jedes Kind schon von „halb vier“: Die Hälfte des Wegs zur Vier ist geschafft, es ist 3:30 Uhr. „Dreiviertel vier“ setzt die Reihe fort: drei Viertel des Wegs, also 3:45 Uhr.

Diese Zählweise ist in sich stimmig. Alle drei Namen nennen die kommende Stunde und sagen, wie viel vom Weg dorthin vorbei ist. Auf der Uhr sieht man das am kurzen Zeiger. Er steht bei 3:15 ein Viertel, bei 3:30 die Hälfte und bei 3:45 drei Viertel des Wegs von der 3 zur 4.

Die andere Zählweise, „Viertel nach drei“ und „Viertel vor vier“, wechselt dagegen den Bezugspunkt. Bis zur halben Stunde zählt sie von der vergangenen Stunde, danach zur kommenden. „Halb vier“ passt in dieses System eigentlich nicht hinein.

Grafik: Drei Uhren nebeneinander, 3:15, 3:30 und 3:45. Der orange Minutenzeiger überstreicht ein Viertel, die Hälfte und drei Viertel des Zifferblatts. Unter jeder Uhr eine blaue Leiste von 3 bis 4, zu einem Viertel, zur Hälfte und zu drei Vierteln gefüllt. Darüber die Namen „Viertel vier“, „halb vier“, „dreiviertel vier“, darunter die Alternativen „Viertel nach drei“ und „Viertel vor vier“.

Wo sagt man was?

Die beste Quelle dafür ist der Atlas zur deutschen Alltagssprache. Er fragt Menschen online, wie man in ihrem Ort etwas sagt, und zeichnet die Antworten auf Karten.

3:15 Uhr. Auf der Karte für 10:15 Uhr sagt man „Viertel nach zehn“ im Nordwesten und im Südosten Deutschlands, etwa in Hamburg, Köln und München. „Viertel elf“ gilt in einem breiten Streifen dazwischen, mit Berlin, Dresden, Erfurt, Nürnberg und Stuttgart, außerdem im Osten Österreichs und in Kärnten. In Österreich ist zusätzlich „Viertel über zehn“ verbreitet. In der Schweiz überwiegt „Viertel ab zehn“, im Kanton Bern hält sich „Viertel nach“ (Atlas zur deutschen Alltagssprache, Karte „Uhrzeit: 10.15“).

3:45 Uhr. Eine Pilotkarte des Atlas für 5:45 Uhr zeigt ein ähnliches Bild: „dreiviertel sechs“ überwiegt im Osten Deutschlands, in weiten Teilen des Südens und in Österreich, „Viertel vor sechs“ im Norden und Westen. Vereinzelt wurde „viertel auf sechs“ gemeldet (Atlas zur deutschen Alltagssprache, Karte „5.45 Uhr“).

3:20 und 3:40 Uhr. Hier zeigt sich etwas Überraschendes. Wo man um 7:20 Uhr „zehn vor halb acht“ sagt, heißt es um 7:40 Uhr meist „zehn nach halb acht“. Wo man „zwanzig nach sieben“ sagt, folgt „zwanzig vor acht“. Im Elsass und in Lothringen hört man „zwanzig bis acht“. Die Autoren des Atlas schließen daraus, dass es nicht einfach ums Vorwärtszählen geht. Entscheidend ist, ob die halbe Stunde als Bezugspunkt dient. Nur bei 7:05 Uhr sind sich fast alle einig: „fünf nach sieben“, in der Schweiz und in Luxemburg „fünf ab sieben“ (Atlas zur deutschen Alltagssprache, Karte „Uhrzeit: 7.20, 7.40, 7.05“).

Für Kinder bedeutet das: Wer im Osten aufwächst, braucht die halbe Stunde als Anker fast überall. Wer im Nordwesten aufwächst, kommt mit der vollen Stunde weit, bis auf „halb“.

Grafik: Tabelle „Dieselbe Uhrzeit, drei Regionen“ mit Uhren für 3:15, 3:20, 3:40 und 3:45. Nordwesten: Viertel nach drei, zwanzig nach drei, zwanzig vor vier, Viertel vor vier. Osten: Viertel vier, zehn vor halb vier, zehn nach halb vier, dreiviertel vier. Schweiz: Viertel ab drei, zwanzig ab drei, zwanzig vor vier, Viertel vor vier. Hinweis: Im Süden und in Österreich mischen sich die Formen.

Stirbt „Viertel vier“ aus?

Nein, aber es wird seltener. Der Atlas hat seine Karte mit einer Erhebung aus den 1970er-Jahren verglichen. Die Verteilung ist im Großen gleich geblieben, die Form „Viertel elf“ ist aber insgesamt zurückgegangen. Damals wurde sie auch noch häufig aus Nordhessen und dem südöstlichen Niedersachsen gemeldet. Die alte innerdeutsche Grenze ist als Sprachgrenze heute dagegen schärfer zu sehen als damals (Atlas zur deutschen Alltagssprache, Karte „Uhrzeit: 10.15“).

Ein Kind in Leipzig oder Dresden wird „Viertel vier“ also weiterhin hören, von Großeltern, im Bus, auf dem Schulhof. Ein Kind in Hamburg wird es spätestens im Urlaub, bei Verwandten oder in einem Buch treffen.

Was heißt das für Kinder?

Kinder benutzen Zeitwörter lange, bevor sie deren genaue Bedeutung kennen. In einer Studie zu Wörtern wie Minute, Stunde und Tag wussten schon Vorschulkinder, dass eine Stunde länger ist als eine Minute. Wie lang genau, lernten viele erst Jahre später, oft erst mit einer Definition aus dem Unterricht. Die Forschenden vermuten, dass Kinder die Bedeutung zunächst daraus erschließen, wie die Wörter im Gespräch verwendet werden (Tillman & Barner, 2015).

Für die Uhrzeit heißt das nach unserer Überlegung: Welche Form ein Kind zuerst lernt, hängt davon ab, was es zu Hause und in der Kita hört. Eine Studie, die vergleicht, wie Kinder mit „Viertel vier“ und mit „Viertel nach drei“ die Uhr lernen, haben wir nicht gefunden. Wir vermuten aber zwei Stolperstellen:

  • Zwei Formen zur selben Zeit. Sagt die Familie „dreiviertel“ und die Schule „Viertel vor“, muss das Kind wissen, dass beides dasselbe meint. Sonst wirkt eine der beiden Formen wie ein Fehler.
  • Die falsche Stunde. „Viertel vier“ nennt die Vier, obwohl der kurze Zeiger noch nah an der Drei steht. Das ist dieselbe Falle wie bei „halb vier“, nur eine Viertelstunde früher.

Zum Vergleich: In England legt der Lehrplan genau fest, welche Wörter Kinder im zweiten Schuljahr (Year 2) lernen, nämlich „quarter past“ und „quarter to“ (Department for Education, 2013). Eine solche einheitliche Vorgabe für die Sprechweise gibt es im deutschsprachigen Raum nach unserem Wissen nicht. Mehr zum Englischen steht in der englischen Fassung dieses Beitrags.

Was Sie tun können

  1. Eine Form zuerst. Üben Sie am Anfang die Form, die Ihr Kind im Alltag am häufigsten hört. Die zweite kommt dazu, wenn die erste sitzt.
  2. Früh sagen, dass es beide gibt. „Oma sagt dreiviertel vier, deine Lehrerin sagt Viertel vor vier. Beides heißt: Es ist 3:45.“ So wird keine Form zum Fehler.
  3. In der Schule nachfragen. Fragen Sie, welche Form im Unterricht verwendet wird, und nehmen Sie diese zu Hause mit dazu.
  4. Die Viertel zeigen. Teilen Sie das Zifferblatt einer selbst gebastelten Lernuhr mit zwei Strichen in vier Viertel. Färben Sie bei „Viertel vier“ ein Viertel, bei „dreiviertel vier“ drei Viertel. Der Name wird sichtbar.
  5. Auf den kurzen Zeiger achten. Bei „Viertel vier“ steht er kurz hinter der 3. Fragen Sie: „Auf dem Weg wohin ist er?“ Das ist derselbe Gedanke wie beim „Weg zur Vier“ für halb vier.
  6. Neugierig bleiben. Sammeln Sie mit Ihrem Kind, wie Verwandte oder Freunde die Uhrzeit sagen. Aus einer Verwirrung wird ein Sprachspiel.

Wie wir es in Tinu Time gelöst haben

In Tinu Time wählen Familien beim Einrichten eines Kinderprofils, wie die App die Viertelstunden sagt: „Viertel nach drei“ oder „Viertel vier“. Auf Englisch heißt die Wahl „quarter past“ oder „quarter after“. Voreingestellt ist „Viertel nach drei“. In den Einstellungen lässt sich die Wahl für jedes Profil jederzeit ändern.

Mit „Viertel vier“ heißen die Aufgaben „Viertel vier“ und „dreiviertel vier“, „halb vier“ bleibt gleich. Zum Start galt die Wahl in den Lektionsaufgaben. Mit Version 1.2 gilt sie auch in der Meisterprüfung, in der täglichen Herausforderung und im Einstufungstest, und die Sprachausgabe spricht die gewählte Form: Die abweichenden Uhrzeiten haben wir dafür eigens neu vertont.

Zwei Grenzen sagen wir offen. Die Erklärungen der Viertelstunden-Stufe führen „Viertel nach“ und „Viertel vor“ ein. Wer „Viertel vier“ gewählt hat, übt danach also mit der regionalen Form, die Erklärung selbst bleibt aber gleich. Und bei Zeiten wie 3:20 oder 3:40 sagt die App in beiden Einstellungen „zehn Minuten vor halb vier“ und „zehn Minuten nach halb vier“, also die Form mit der halben Stunde. Die Formen aus der Schweiz und aus Österreich bietet Tinu Time nicht an.

Warum Stunden in der App blau und Minuten orange sind, steht im Beitrag Blau für Stunden, Orange für Minuten. Tinu Time ersetzt keine Diagnostik und keine Lerntherapie.

Häufige Fragen

Ist „Viertel vier“ falsch oder Umgangssprache? Nein. Es ist eine regionale Form, die in großen Teilen Deutschlands und Österreichs üblich ist. Beide Formen sind richtig.

Welche Form sollte mein Kind lernen? Zuerst die, die es im Alltag hört. Wichtig ist, dass es später beide versteht.

Was heißt „Viertel ab drei“? Das ist die Schweizer Form für 3:15 Uhr. „Ab“ bedeutet hier dasselbe wie „nach“.

Mein Kind verwechselt „dreiviertel vier“ mit 4:45. Was hilft? Zeigen Sie den kurzen Zeiger: Er steht kurz vor der 4, nicht dahinter. Der Name sagt, wie viel vom Weg zur Vier geschafft ist.

Mehr zur App finden Sie auf der Seite zu Tinu Time.

Quellen

Lernwunder-Redaktion · Chaolan Lu

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