Kurz gesagt: Tinu Time ist ab heute im App Store, für iPhone und iPad. Die App führt Kinder von etwa 5 bis 10 Jahren in neun Stufen vom ersten Blick auf das Zifferblatt bis zu Zeitspannen. Jede Erklärung wird vorgelesen, auf Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Chinesisch und Polnisch. Tinu Time hat keine Werbung, kein Abo und keine In-App-Käufe, braucht kein Internet und speichert alles nur auf dem Gerät.
Seit März haben wir hier beschrieben, was uns beim Uhrlesen beschäftigt: warum die Uhr so schwer zu lesen ist, ab wann Kinder sie lesen können, warum analog vor digital kommt, warum „halb vier“ eine eigene Erklärung braucht und warum Stunden blau und Minuten orange sind. Heute ist Tinu Time erschienen. Hier beschreiben wir nüchtern, was die App kann und was nicht.
Was übt Tinu Time?
Die analoge Uhr, Stufe für Stufe. Jede Stufe baut auf der vorigen auf:
| Stufe | Inhalt |
|---|---|
| 1 | Das Zifferblatt: Zahlen, Zeiger, Uhrzeigersinn, Fünferreihe |
| 2 | Volle Stunden |
| 3 | Halbe Stunden, mit eigener Erklärung zu „halb vier“ |
| 4 | Viertelstunden: Viertel nach, Viertel vor |
| 5 | Fünf-Minuten-Schritte |
| 6 | Jede einzelne Minute |
| 7 | Vor und nach, dazu die Verbindung zur Digitaluhr |
| 8 | Das 24-Stunden-Format |
| 9 | Zeitspannen: Wie lange dauert es? |
Die Reihenfolge der ersten Stufen folgt dem, was Entwicklungsstudien beschreiben: erst volle, dann halbe Stunden, dann Fünf-Minuten-Schritte, zuletzt einzelne Minuten (zusammengefasst bei Burny et al., 2013).
Wie läuft eine Lektion ab?
Tinu, ein freundlicher goldgelber Wecker, erklärt. Jede Lektion hat bis zu drei Teile: Erst zeigt und erklärt Tinu eine Uhrzeit, dabei leuchten auf der Uhr genau die Teile auf, um die es gerade geht. Dann erkennt das Kind die richtige Uhr unter mehreren. Zum Schluss stellt es die Uhrzeit selbst ein, indem es die Zeiger mit dem Finger dreht. Der Stundenzeiger wandert dabei mit, wie bei einer echten Uhr.
Alles, was Tinu sagt, ist vertont. Ein Kind, das noch nicht lesen kann, kommt so allein zurecht. Dass gesprochene Erklärungen zu einem Bild oft besser wirken als geschriebene, zeigt eine Metaanalyse über 43 Effekte (Ginns, 2005). Ehrlicherweise war der Vorteil dort vor allem dann deutlich, wenn das Tempo vorgegeben war. In Tinu Time bestimmt das Kind das Tempo selbst und kann jeden Satz noch einmal hören.

Hilfe nur auf Wunsch. In vielen Stufen gibt es einen Hilfe-Knopf, der zum Beispiel die halbe Uhr einfärbt oder einen Minutenring um das Zifferblatt legt. Er bleibt aus, bis das Kind ihn drückt.
Fehler, die etwas erklären. Stellt ein Kind eine falsche Zeit ein, prüft die App, welcher Fehler typisch dahintersteckt: Zeiger vertauscht, nicht in Fünfern gezählt, „vor“ und „nach“ verwechselt oder 4:30 statt „halb vier“. Dann gibt Tinu einen passenden Hinweis, oft mit einer kleinen Uhr, die die richtige Zeit zeigt. Genau diese Fehler gehören zu den häufigsten beim Uhrlesen (Burny et al., 2012).
„Halb vier“ und regionale Sprechweisen
Bevor die halben Stunden beginnen, gibt es auf Deutsch eine kurze, ganz vorgelesene Einheit: Der Minutenzeiger wandert von der 12 zur 6, der Stundenzeiger rückt zwischen 3 und 4, und Tinu erklärt, dass „halb vier“ auf dem Weg zur Vier liegt. Mit „Nochmal“ lässt sich jeder Schritt wiederholen. In den anderen Sprachen gibt es diese Falle nicht, dort entfällt die Einheit.
Familien können außerdem wählen, ob die Aufgaben in den Lektionen „Viertel nach drei“ oder „Viertel vier“ sagen, auf Englisch „quarter past“ oder „quarter after“.
Woher weiß die App, wo ein Kind steht?
- Einstufungstest. Kinder, die schon etwas können, müssen nicht bei null anfangen. Ein kurzer Test steigt Stufe für Stufe auf, je drei Aufgaben; wer zwei davon schafft, geht eine Stufe weiter. Danach beginnt das Kind auf der passenden Stufe.
- Meisterprüfung. Am Ende der Stufen gibt es eine Prüfung mit wechselnden Uhrzeiten und Sternen. Wer 80 Prozent richtig hat, öffnet die nächste Stufe. Wer es noch nicht schafft, übt weiter und versucht es wieder.
- Tägliche Herausforderung. Uhrzeiten, die einem Kind schwerfallen, merkt sich die App in einer Lernkartei und holt sie in der täglichen Herausforderung gezielt wieder hervor.
Spiele, Sticker, Uhren-Designs
Acht Lernspiele schalten sich frei, sobald das nötige Wissen da ist: zum Beispiel Uhren-Bingo von Anfang an, Tagesablauf ab den vollen Stunden, Zeitdetektiv (Uhren in Bildern ablesen) ab den Viertelstunden, Zug-Fahrplan und Tinus Weltreise ab dem 24-Stunden-Format. Jedes Spiel erklärt sich selbst per Sprachausgabe.

Dazu kommen 15 Sticker rund um Uhren, von der Sonnenuhr bis zur Atomuhr, und Uhren-Designs, die sich nach abgeschlossenen Stufen öffnen. Diese Designs haben Zeiger in anderen Farben. Warum wir das bewusst so gelöst haben und das klassische Blau-Orange immer verfügbar bleibt, steht im Beitrag zu den Zeigerfarben.

Was sehen Eltern?
Ein Elternbereich, geschützt durch eine Rechenaufgabe, zeigt den Fortschritt in jeder Stufe und die Uhrzeiten, mit denen Ihr Kind gerade noch Mühe hat, dazu einen Tipp für den Alltag. Dort lässt sich auch alles zurücksetzen, wenn ein anderes Kind neu beginnen möchte.
Was Tinu Time bewusst nicht tut
- Keine Werbung, kein Abo, keine In-App-Käufe, kein Tracking. Tinu Time ist eine Kauf-App. In einer Untersuchung von 135 beliebten Apps für Kinder bis fünf Jahre enthielten 95 % irgendeine Form von Werbung, als „pädagogisch“ bezeichnete Apps ähnlich häufig (Meyer et al., 2019).
- Kein Konto, kein Internet. Die App stellt keine Netzwerkverbindung her. Alle Lernstände bleiben auf dem Gerät.
- Kein Zeitdruck beim Lernen. Lektionen und Prüfungen haben keine Uhr, die abläuft. Nur das Spiel Zeiger-Rennen ist ein Wettlauf gegen die Zeit.
- Kein Ersatz für die echte Uhr. Eine Uhr in der Küche, eine selbst gebastelte Lernuhr und das Gespräch darüber bleiben wichtig. Die App ersetzt keine Diagnostik und keine Lerntherapie.
Für wen ist Tinu Time gedacht?
Für Kinder von etwa 5 bis 10 Jahren: vom Vorschulkind, das zum ersten Mal volle Stunden entdeckt, bis zum Grundschulkind, das Fahrpläne und Zeitspannen versteht. Weil alles vorgelesen wird, passt die App auch für Kinder, die noch nicht lesen, und für mehrsprachige Familien.
Gute Lern-Apps unterstützen aktives, engagiertes, bedeutungsvolles und sozial eingebundenes Lernen mit einem klaren Ziel (Hirsh-Pasek et al., 2015). Den sozialen Teil kann eine App kaum leisten. Es lohnt sich, ab und zu danebenzusitzen.
Was Sie tun können
- Gemeinsam starten. Machen Sie den Einstufungstest zusammen und schauen Sie, wo Ihr Kind einsteigt.
- Im Alltag nachfragen. Was in der App geübt wurde, auf der Küchenuhr wiederfinden: „Welche Stufe bist du gerade? Zeig mir so eine Uhrzeit.“
- Kurz und regelmäßig. Die tägliche Herausforderung ist kurz. Ein paar Minuten an mehreren Tagen helfen mehr als eine lange Sitzung.
- Ab und zu in den Elternbereich schauen. Die Uhrzeiten, die noch schwerfallen, sind gute Themen für den Alltag.
Häufige Fragen
Gibt es Tinu Time für Android? Zum Start gibt es Tinu Time im App Store für iPhone und iPad.
Braucht mein Kind ein Konto oder Internet? Nein. Tinu Time funktioniert ohne Konto und komplett offline.
Kann mein Kind schon im Kindergarten damit anfangen? Ja, mit den ersten Stufen. Weil alles vorgelesen wird, muss es nicht lesen können. Für die späteren Stufen braucht es sicheres Zählen in Fünfern.
In welchen Sprachen gibt es die App? Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Chinesisch und Polnisch, jeweils mit Oberfläche und Sprachausgabe.
Mehr zur App finden Sie auf der Seite zu Tinu Time.
Quellen
- Burny, E., Valcke, M. & Desoete, A. (2012). Clock reading: An underestimated topic in children with mathematics difficulties. Journal of Learning Disabilities, 45(4), 351–360. https://doi.org/10.1177/0022219411407773
- Burny, E., Valcke, M., Desoete, A. & Van Luit, J. E. H. (2013). Curriculum sequencing and the acquisition of clock-reading skills among Chinese and Flemish children. International Journal of Science and Mathematics Education, 11(3), 761–785. https://doi.org/10.1007/s10763-012-9362-z
- Ginns, P. (2005). Meta-analysis of the modality effect. Learning and Instruction, 15(4), 313–331. https://doi.org/10.1016/j.learninstruc.2005.07.001
- Hirsh-Pasek, K., Zosh, J. M., Golinkoff, R. M., Gray, J. H., Robb, M. B. & Kaufman, J. (2015). Putting education in “educational” apps: Lessons from the science of learning. Psychological Science in the Public Interest, 16(1), 3–34. https://doi.org/10.1177/1529100615569721
- Meyer, M., Adkins, V., Yuan, N., Weeks, H. M., Chang, Y.-J. & Radesky, J. (2019). Advertising in young children’s apps: A content analysis. Journal of Developmental & Behavioral Pediatrics, 40(1), 32–39. https://doi.org/10.1097/DBP.0000000000000622
Lernwunder-Redaktion · Chaolan Lu
