Kurz gesagt: Kinder lernen Mathematik nachweislich auch voneinander: Eine Metaanalyse fand für Lernformen mit Gleichaltrigen in der Grundschule einen mittleren positiven Effekt auf die Leistung (Rohrbeck et al., 2003). Entscheidend ist, dass Kinder miteinander über Mathematik sprechen und sich etwas erklären. Deshalb bauen wir unser Spiel zum Mengenvergleichen so, dass zwei Kinder an einem iPad spielen und abwechselnd sagen, wer mehr hat.

Eine erfundene, aber typische Szene: Zwei Kinder beugen sich über ein Tablet. „Ich hab zwei mehr als du!“ – „Gar nicht, schau doch!“ Das eine Kind zeigt auf die Münzen, die nebeneinanderliegen, und zählt die übrigen ab. „Eins, zwei. Stimmt.“ In diesem kurzen Streit steckt mehr Mathematik als in so mancher Übungsseite.

Lernen Kinder wirklich voneinander?

Ja, das ist gut belegt, mit Einschränkungen. Eine Metaanalyse hat Studien zu Lernformen ausgewertet, in denen Grundschulkinder sich gegenseitig helfen, etwa als Lernpartner oder Tutoren (Rohrbeck et al., 2003). Das Ergebnis:

  • Im Mittel verbesserten sich die Leistungen messbar (gewichteter Effekt d = 0,33). Das ist ein kleiner bis mittlerer Effekt.
  • Am stärksten profitierten jüngere Kinder und Kinder aus Familien mit geringem Einkommen.
  • Besser wirkten Formen, in denen die Kinder gemeinsam belohnt wurden, an ihrem eigenen Fortschritt gemessen wurden und selbst mitentscheiden durften.

Eine zweite Übersicht über 17 Studien in Mathematik kam für Kinder mit Lernschwierigkeiten oder einem Risiko dafür zu einem ähnlichen Bild: Lernen mit Gleichaltrigen war mäßig wirksam, am deutlichsten in der Grundschule und beim Rechnen (Kunsch et al., 2007).

Auch sehr junge Kinder profitieren. In einer Studie mit 20 Kindergarten- klassen übten Kinder zweimal pro Woche in festen Zweierteams Mathematik, 15 Wochen lang. Kinder auf allen Leistungsstufen machten mehr Fortschritte als in den Vergleichsklassen, auch Kinder mit Förderbedarf (Fuchs et al., 2001).

Warum ist das Reden über Mathe so wichtig?

Weil Sprache dabei nicht nebenherläuft, sondern selbst Teil des Lernens ist. In Kitagruppen, in denen Erzieherinnen und Erzieher mehr über Zahlen, Mengen und Vergleiche sprachen, wuchs das mathematische Wissen der Kinder über das Jahr stärker. Mit dem Wissensstand zu Jahresbeginn hing die Menge an „Mathe-Sprache“ dagegen nicht zusammen (Klibanoff et al., 2006).

Für die Arbeit in kleinen Gruppen hat eine Übersicht herausgearbeitet, welche Gespräche wirklich helfen: ausführliche Erklärungen statt bloßer Ergebnisse, und Hilfe, die auf das eingeht, was das andere Kind gerade braucht. Ein wirksamer Weg ist, die Aufgabe so anzulegen, dass Kinder einander etwas erklären müssen (Webb, 1991).

Hilft ein Spiel dabei?

Eine Studie hat genau das im Kita-Alltag geprüft. Kinder spielten in kleinen Gruppen ein einfaches Zahlenbrettspiel. Danach verglichen sie Zahlen besser, zählten sicherer, erkannten mehr Ziffern und schätzten genauer auf dem Zahlenstrahl. Das klappte auch, wenn eine Hilfskraft aus der Gruppe das Spiel begleitete, und die Kinder blieben über mehrere Sitzungen bei der Sache (Ramani et al., 2012).

Gegeneinander oder miteinander?

Hier sind wir ehrlich: Unser Spiel ist ein Wettspiel. Wer seine Schatztruhe zuerst füllt, gewinnt. Die Forschung sieht Wettbewerb kritisch. Eine große Metaanalyse über 148 Studien mit Jugendlichen im frühen Teenageralter fand: Kooperative Ziele gingen mit besseren Leistungen und besseren Beziehungen einher als Wettbewerb oder Einzelarbeit (Roseth et al., 2008). Ob das für Sechsjährige mit einem Würfelspiel genauso gilt, ist nicht untersucht.

Wir haben deshalb versucht, den Wettbewerb klein zu halten:

  • Der Würfel entscheidet, nicht das Können. Das stärkere Kind gewinnt nicht automatisch.
  • Der Vergleich ist ein gemeinsamer Moment. Beide schauen auf dieselben Münzen, und der Satz muss für beide stimmen.
  • Gleich viel ist kein Leerlauf. Bei Gleichstand erbeutet niemand etwas, die Runde ist trotzdem ein Erfolg für beide. Endet ein Spiel unentschieden, bekommen beide ein Puzzleteil für ihre Schatzkarte.

Wie wir das Spiel für zwei bauen

So sieht der Partnermodus in unserem aktuellen Entwicklungsstand aus:

  1. Ein Gerät, zwei Kinder. Jedes Kind wählt ein eigenes Meerestier als Spielfigur, erst das eine, dann das Gegenüber. Kein zweites Gerät, kein Netzwerk.
  2. Eine gemeinsame Mitte. Beide legen ihre Münzen auf dasselbe Spielbrett, das eine Kind links in Gold, das andere rechts in Silber. Die Münzen liegen in Zeilen nebeneinander, so entstehen die Paare von selbst.
  3. Abwechselnd antworten. In jeder Runde ist ein anderes Kind mit dem Vergleich dran, und auch wer zuerst würfelt, wechselt. Über den drei Satzkarten steht, wer gerade gefragt ist: „Welcher Satz stimmt für dich?“
  4. Sätze aus der eigenen Sicht. Die Karten lauten „Ich habe mehr als du“, „Ich habe weniger als du“ und „Wir haben gleich viel“. Jede Karte wird auf Wunsch vorgelesen.
  5. Der Unterschied ist die Beute. Wer mehr hat, zieht die Münzen ohne Partner in die eigene Truhe.

Die Sätze aus der eigenen Sicht sind der Kern der Entscheidung. Hat das eine Kind fünf Münzen und das andere drei, sind „Ich habe mehr als du“ und „Ich habe weniger als du“ beide richtig, je nachdem, wer spricht. Weil die Rolle jede Runde wechselt, üben beide Kinder beide Richtungen, und das Umdrehen des Vergleichs ist für viele Kinder der schwerere Teil. Wie die Zeichen > und < dieselbe Beziehung von zwei Seiten zeigen, beschreibt unser Beitrag Frisst das Krokodil die größere Zahl?.

Grafik: Eine Lage, zwei richtige Sätze. In der Mitte ein Spielbrett mit fünf goldenen Münzen links und drei silbernen rechts, drei Paare sind verbunden. Links eine Sprechblase des Gold-Kindes: „Ich habe mehr als du.“ Rechts eine Sprechblase des Silber-Kindes: „Ich habe weniger als du.“ Darunter ein Rundenstreifen: Runde 1 antwortet Gold, Runde 2 Silber, Runde 3 Gold, Runde 4 Silber.

Und warum das iPad? Ein Tablet bietet genug Fläche für ein gemeinsames Brett mit großen Münzen, die kleine Finger gut greifen. Deshalb planen wir das Spiel für das iPad. Für Kinder, die allein spielen, entwickeln wir außerdem einen eigenen Modus mit einem Gegenspieler im Spiel.

Was Sie tun können

  1. Zu zweit würfeln. Zwei Kinder, zwei Würfel, Knöpfe in zwei Farben. Wer mehr hat, nimmt die Knöpfe ohne Partner. Das ist die Tischversion der Idee aus unserem Beitrag Eine Pirateninsel für das Vergleichen.
  2. Ganze Sätze verlangen. Nicht „ich“ oder „mehr“, sondern „Ich habe mehr als du“. Die Satzmuster aus Mehr, weniger, gleich viel helfen dabei.
  3. Rollen tauschen. Jede Runde antwortet ein anderes Kind, auch das, das gerade weniger hat.
  4. „Erklär es mir“-Regel. Bevor jemand Beute nimmt, zeigt er, welche Knöpfe keinen Partner haben.
  5. Gleichstand feiern. „Wir haben gleich viel!“ ist ein schöner Satz, kein verlorener Zug.
  6. Ab und zu danebensitzen. Ein kurzes „Woran siehst du das?“ von Erwachsenen bringt die Erklärungen in Gang.

Häufige Fragen

Gibt das nicht Streit, wenn zwei Kinder an einem Gerät spielen? Manchmal schon, und ein bisschen Streit über „wer hat mehr?“ ist sogar erwünscht, wenn er mit Zeigen und Zählen gelöst wird. Feste Rollen pro Runde helfen, weil klar ist, wer gerade dran ist.

Was ist, wenn ein Kind deutlich weiter ist? In der Kindergartenstudie profitierten Kinder auf allen Leistungsstufen vom Lernen im Zweierteam (Fuchs et al., 2001). Im Würfelspiel gleicht der Zufall außerdem viel aus.

Kann ein Kind auch allein spielen? Ja, dafür entwickeln wir einen eigenen Modus. Das gemeinsame Spiel bleibt für uns aber der Kern.

Wann erscheint das Spiel? Darüber berichten wir hier, sobald es so weit ist.

Quellen

  • Fuchs, L. S., Fuchs, D. & Karns, K. (2001). Enhancing kindergartners’ mathematical development: Effects of peer-assisted learning strategies. The Elementary School Journal, 101(5), 495–510. https://doi.org/10.1086/499684
  • Klibanoff, R. S., Levine, S. C., Huttenlocher, J., Vasilyeva, M. & Hedges, L. V. (2006). Preschool children’s mathematical knowledge: The effect of teacher “math talk”. Developmental Psychology, 42(1), 59–69. https://doi.org/10.1037/0012-1649.42.1.59
  • Kunsch, C. A., Jitendra, A. K. & Sood, S. (2007). The effects of peer-mediated instruction in mathematics for students with learning problems: A research synthesis. Learning Disabilities Research & Practice, 22(1), 1–12. https://doi.org/10.1111/j.1540-5826.2007.00226.x
  • Ramani, G. B., Siegler, R. S. & Hitti, A. (2012). Taking it to the classroom: Number board games as a small group learning activity. Journal of Educational Psychology, 104(3), 661–672. https://doi.org/10.1037/a0028995
  • Rohrbeck, C. A., Ginsburg-Block, M. D., Fantuzzo, J. W. & Miller, T. R. (2003). Peer-assisted learning interventions with elementary school students: A meta-analytic review. Journal of Educational Psychology, 95(2), 240–257. https://doi.org/10.1037/0022-0663.95.2.240
  • Roseth, C. J., Johnson, D. W. & Johnson, R. T. (2008). Promoting early adolescents’ achievement and peer relationships: The effects of cooperative, competitive, and individualistic goal structures. Psychological Bulletin, 134(2), 223–246. https://doi.org/10.1037/0033-2909.134.2.223
  • Webb, N. M. (1991). Task-related verbal interaction and mathematics learning in small groups. Journal for Research in Mathematics Education, 22(5), 366–389. https://doi.org/10.5951/jresematheduc.22.5.0366

Lernwunder-Redaktion · Chaolan Lu

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