Kurz gesagt: Wir arbeiten an einem Spiel, in dem Kinder würfeln, Münzen legen, die beiden Mengen vergleichen und am Ende genau den Unterschied erbeuten. Die Idee stützt sich auf Forschung zu einfachen Zahlenspielen: Schon etwa eine Stunde mit einem passenden Brettspiel verbesserte bei Vorschulkindern das Vergleichen von Zahlen (Siegler & Ramani, 2009). Entscheidend ist, dass die Spielhandlung genau das Denken verlangt, das gelernt werden soll.

Eine erfundene, aber vertraute Szene: Zwei Kinder würfeln am Küchentisch. Jedes nimmt sich so viele Knöpfe, wie sein Würfel zeigt. „Ich hab mehr!“ – „Wie viele mehr?“ Die beiden legen die Knöpfe nebeneinander, immer einen gegenüber einen. Zwei bleiben übrig. „Die zwei gehören mir.“ Mehr braucht es nicht für die Spielidee, an der wir gerade arbeiten.

Warum überhaupt ein Spiel?

Weil gut gebaute Spiele nachweislich etwas bewirken, wenn sie das Richtige üben. In einer Studie spielten Vorschulkinder aus Familien mit geringem Einkommen in mehreren kurzen Sitzungen, insgesamt etwa eine Stunde, ein Zahlenbrettspiel. Wer auf einem geraden Spielplan mit Zahlen spielte, verglich danach Zahlen besser und schätzte Positionen auf dem Zahlenstrahl genauer, als Kinder mit einem runden Spielplan oder mit anderen Zahlenaktivitäten. Und diese Kinder lernten später auch beim Rechnen mehr dazu (Siegler & Ramani, 2009).

Eine Folgestudie zeigt, worauf es ankommt. Kinder im Kindergarten spielten ein Brettspiel mit den Feldern 0 bis 100. Zählten sie beim Ziehen von ihrem aktuellen Feld weiter („34, 35, 36“), lernten sie deutlich mehr, als wenn sie bei jedem Zug wieder bei 1 anfingen (Laski & Siegler, 2014). Die Forschenden fassen es so zusammen: Man lernt, was man beim Spielen tatsächlich verarbeitet.

Und eine Metaanalyse über 17 Studien mit Kindern von 1 bis 8 Jahren fand: Spiel mit Anleitung, bei dem Erwachsene ein Lernziel im Blick behalten, wirkte sich auf frühe Mathefähigkeiten etwas stärker aus als direkte Unterweisung (g = 0,24). Die Studien verstanden unter „angeleitetem Spiel“ allerdings sehr Verschiedenes (Skene et al., 2022).

Für uns heißt das: Ein Spiel hilft nur, wenn die Spielzüge selbst die Lernschritte sind. Punkte, Sterne oder Animationen um eine Rechenaufgabe herum reichen nicht.

Was soll ein Kind in unserem Spiel tun?

Unser Plan hat vier Schritte, und jeder steht für einen Lernschritt:

  1. Würfeln. Beide würfeln nacheinander. Das Würfelbild bleibt sichtbar.
  2. Legen. Jedes Kind legt so viele Münzen auf sein Deck, wie der Würfel zeigt. Aus dem Würfelbild wird eine Menge.
  3. Vergleichen. Die beiden Decks liegen nebeneinander, Münze neben Münze. Das Kind wählt den Satz, der stimmt: „Ich habe mehr als du“, „Ich habe weniger als du“ oder „Wir haben gleich viel“.
  4. Den Unterschied erbeuten. Wer mehr hat, nimmt genau die Münzen, die keinen Partner haben, und legt sie in seine Schatztruhe.

Die Truhe stellen wir uns als Zehnerfeld vor: zwei Reihen zu fünf, damit man auf einen Blick sieht, wie viel schon drin ist und was noch fehlt. Wie diese Fünferstruktur hilft, steht im Beitrag zur Kraft der Fünf.

Grafik: Die Spielidee in vier Schritten, als Skizze. 1 Würfeln: zwei Würfel zeigen 5 und 3. 2 Legen: fünf und drei Münzen auf zwei Decks. 3 Vergleichen: Die Münzen liegen nebeneinander, drei Paare sind verbunden, dazu die drei Sätze mehr als, weniger als, gleich viel. 4 Erbeuten: Die zwei Münzen ohne Partner wandern in eine Truhe mit zehn Feldern.

Warum gerade den Unterschied erbeuten?

Weil „Wie viele mehr?“ für Kinder eine überraschend schwere Frage ist. In einer klassischen Studie sahen 64 Kinder zwischen 4 und 8 Jahren Vögel und Würmer. Auf die Frage „Wie viele Vögel mehr als Würmer gibt es?“ antworteten viele falsch. Fragte man stattdessen „Wie viele Vögel bekommen keinen Wurm?“, fanden sie die Antwort deutlich öfter (Hudson, 1983). Die Kinder konnten den Unterschied also bestimmen. Was ihnen fehlte, war der Zugang über den Satz „mehr … als“.

Auch spätere Experimente fanden, dass Vergleichsaufgaben vor allem an der Sprache hängen, weniger am Rechnen (Stern, 1993).

Genau hier setzt unsere Idee an. Die Frage „Welche Münzen haben keinen Partner?“ wird zur Handlung: Diese Münzen sind die Beute. Die Beute ist der Unterschied. Und weil das Kind vorher den Vergleichssatz gewählt hat, hängt die Sprache direkt an der Handlung. So wollen wir die beiden Wege verbinden, die in der Forschung getrennt erscheinen: das Paarebilden, das Kinder oft schon können, und den Vergleichssatz, der ihnen schwerfällt.

Grafik: Zwei Fragen, eine Antwort. Fünf goldene und drei silberne Münzen, drei Paare sind verbunden, zwei goldene Münzen bleiben übrig. Links die Frage „Wie viele Goldmünzen mehr als Silbermünzen gibt es?“ als schwerer markiert, rechts die Frage „Wie viele Goldmünzen haben keinen Partner?“ als leichter. Beide haben die Antwort 2. Quelle: Hudson 1983.

Warum Piraten?

Weil die Geschichte die Regel erklärt. Piraten nehmen dem anderen genau das ab, was er mehr hat. Kein Kind muss sich merken, „die Differenz zu bilden“, es erbeutet einfach die übrigen Münzen. Die Welt soll freundlich bleiben: Inseln, Münzen, eine Truhe, ohne Waffen und ohne Totenköpfe.

Was das Spiel nicht haben soll

Ebenso wichtig wie die Idee sind die Dinge, die wir bewusst weglassen wollen:

  • Keinen Zeitdruck. Vergleichen braucht Ruhe, besonders am Anfang.
  • Kein Rot für Fehler. Warum wir darauf verzichten, steht im Beitrag Warum Fehler in unseren Apps nicht rot sein sollen.
  • Keine Leben, keine Bestenlisten. Wer sich vertut, soll noch einmal hinschauen dürfen, nicht etwas verlieren.
  • Keine Lesepflicht. Kinder in diesem Alter lesen oft noch nicht sicher. Mehr dazu in Mathe ohne Lesen.

Was Sie tun können

Sie brauchen kein Gerät, um die Spielidee auszuprobieren. Die Tischversion:

  1. Material: ein oder zwei Würfel, Knöpfe oder Münzen in zwei Farben, für jedes Kind eine leere Eierschachtel mit zehn Mulden als Truhe.
  2. Würfeln und legen: Jedes Kind würfelt und legt so viele Knöpfe in eine Reihe.
  3. Vergleichen: Die Reihen nebeneinanderlegen, Knopf gegenüber Knopf. Das Kind sagt den ganzen Satz: „Ich habe mehr als du.“
  4. Erbeuten: Wer mehr hat, nimmt die Knöpfe ohne Partner in seine Eierschachtel. Bei gleich viel bekommt niemand etwas, neue Runde.
  5. Ende: Wer zuerst zehn Knöpfe in der Schachtel hat, gewinnt.
  6. Schwieriger: zwei Würfel nehmen, die Reihen kurz abdecken und aus dem Gedächtnis vergleichen, oder die Zahl der Beute vorher sagen lassen.

Wie man „mehr“, „weniger“ und „gleich viel“ ganz ohne Spiel üben kann, steht im Beitrag Mehr, weniger, gleich viel. Und wie später die Zeichen > und < dazukommen, im Beitrag Frisst das Krokodil die größere Zahl?.

Woran wir arbeiten

Aus der Idee wird gerade ein Spiel. Wir prüfen, wie sich die vier Schritte auf einem Tablet anfühlen, wie groß Münzen und Felder sein müssen und wie viel Hilfe ein Kind braucht, wenn es sich verzählt. Einen Namen, einen Termin oder einen Funktionsumfang nennen wir noch nicht. Fest steht nur der Kern: würfeln, legen, vergleichen, den Unterschied erbeuten.

Häufige Fragen

Ab welchem Alter eignet sich das Würfelspiel? Die Tischversion mit einem Würfel funktioniert oft schon im Vorschulalter. In der Studie mit Vögeln und Würmern konnten bereits viele Vier- bis Achtjährige Unterschiede über Paare bestimmen (Hudson, 1983).

Was, wenn mein Kind falsch zählt? Gemeinsam die Reihen nebeneinanderlegen und Paare bilden. Der Unterschied wird dann sichtbar, ohne dass jemand „falsch“ sagen muss.

Wann erscheint das Spiel? Dazu können wir noch nichts sagen. Wir berichten hier, sobald es so weit ist.

Quellen

  • Hudson, T. (1983). Correspondences and numerical differences between disjoint sets. Child Development, 54(1), 84–90. https://doi.org/10.2307/1129864
  • Laski, E. V. & Siegler, R. S. (2014). Learning from number board games: You learn what you encode. Developmental Psychology, 50(3), 853–864. https://doi.org/10.1037/a0034321
  • Siegler, R. S. & Ramani, G. B. (2009). Playing linear number board games—but not circular ones—improves low-income preschoolers’ numerical understanding. Journal of Educational Psychology, 101(3), 545–560. https://doi.org/10.1037/a0014239
  • Skene, K., O’Farrelly, C. M., Byrne, E. M., Kirby, N., Stevens, E. C. & Ramchandani, P. G. (2022). Can guidance during play enhance children’s learning and development in educational contexts? A systematic review and meta-analysis. Child Development, 93(4), 1162–1180. https://doi.org/10.1111/cdev.13730
  • Stern, E. (1993). What makes certain arithmetic word problems involving the comparison of sets so difficult for children? Journal of Educational Psychology, 85(1), 7–23. https://doi.org/10.1037/0022-0663.85.1.7

Lernwunder-Redaktion · Chaolan Lu

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