Kurz gesagt: Kinder mit Farbfehlsichtigkeit lernen nach großen Langzeitstudien genauso gut wie andere Kinder. Schwierig wird es erst, wenn Material eine Information nur über Farbe zeigt. Die Lösung heißt doppelte Codierung: Jede Farbe bekommt eine zweite Erkennung, etwa eine Form. In Mengenpiraten sind die Goldmünzen deshalb rund mit Stern, die Silbermünzen achteckig mit Anker.
Eine ausgedachte Szene: Zwei Geschwister spielen an einem Tablet, jedes hat seine Spielsteine. Der Jüngere tippt auf einen Stein der Schwester und sagt: „Das ist doch meiner.“ Die Schwester lacht, er wird rot und will nicht mehr spielen. Niemand in der Familie weiß zu diesem Zeitpunkt, dass er bestimmte Farben kaum auseinanderhält.
Solche Momente sind klein, aber sie wiederholen sich. In unserem Beitrag Barrierefrei üben haben wir beschrieben, wie viele Kinder betroffen sind und warum Farbe nie das einzige Merkmal sein sollte. Hier gehen wir einen Schritt weiter: Was bedeutet das für ein Spiel, in dem zwei Kinder ihre Münzen auf einem Brett auseinanderhalten müssen?
Wie viele Kinder sehen Farben anders, und ab wann weiß man es?
In einer gemischten Klasse sitzt oft ein Kind mit angeborener Farbsehschwäche, meist ein Junge. Die weltweiten Zahlen haben wir in Barrierefrei üben zusammengefasst. Für Großbritannien gibt es besonders belastbare Daten: In einer Geburtskohorte von 1958 wurden 12.534 Kinder mit elf Jahren mit dem Ishihara-Test untersucht. 6,7 Prozent der Jungen und 1,1 Prozent der Mädchen hatten eine Farbsehschwäche (Cumberland et al., 2004).
Wann so etwas auffällt, ist sehr unterschiedlich. Zuverlässig testen lässt es sich schon früh: Eine spielerische Tablet-App erkannte in einer Studie mit 4- bis 7-jährigen Jungen alle Kinder, die auch der Ishihara-Test für Kinder, die noch nicht lesen, als farbfehlsichtig einstufte (Tang et al., 2022). Getestet wird aber längst nicht jedes Kind. Für die Gestaltung heißt das: Eine App für Fünf- bis Achtjährige muss davon ausgehen, dass manche ihrer Spielerinnen und Spieler selbst noch nichts davon wissen.
Lernen farbenblinde Kinder schlechter?
Nein, und das ist eine gute Nachricht. Dieselbe britische Kohorte wurde über Jahrzehnte begleitet. Kinder mit Farbsehschwäche schnitten mit sieben und sechzehn Jahren in Mathe und Lesen nicht schlechter ab, und auch bei den Schulabschlüssen gab es keinen Unterschied (Cumberland et al., 2004). Eine Übersichtsarbeit zum Screening an Schulen kommt zu demselben Schluss: Die Belege sprechen eher gegen einen Zusammenhang mit dem Schulerfolg (Ramachandran et al., 2014).
Das Problem steckt also nicht im Kind, sondern im Material. Eine Übersichtsarbeit zu den Folgen von Farbfehlsichtigkeit fasst zusammen: Die meisten Betroffenen haben Schwierigkeiten, wenn Farbe Informationen codiert. Sie suchen langsamer und weniger erfolgreich, wenn ein Ziel an seiner Farbe erkannt werden soll, und sind unsicher, wenn ein Farbname als Kennzeichen dient, etwa „nimm die grünen“ (Cole, 2004).
Warum reicht eine gut gewählte Farbe nicht?
Eine Studie mit Blickbewegungsmessung zeigt, wo genau es hakt. Menschen mit Farbfehlsichtigkeit suchten auf einer Wiese rote Gegenstände deutlich schlechter als andere. Hatten sie ein Ziel aber erst einmal direkt im Blick, erkannten sie es fast immer richtig (Kugler et al., 2015). Die Farbe lenkt den Blick also nicht mehr aus dem Augenwinkel zum Ziel. Genau das braucht ein Kind auf einem Spielbrett mit bis zu zwölf Münzen pro Seite: auf einen Blick sehen, welche Münzen seine sind.
Gold und Silber sind dafür schon eine recht robuste Wahl. Wir haben die beiden Münzfarben mit einem gängigen Modell für Farbsehschwächen umgerechnet (Machado et al., 2009). Bei Rot- und Grünschwäche wird Gold zu einem gedeckten Gelb, Silber bleibt Grau. Der Unterschied bleibt sichtbar. Aber die beiden Farben sind fast gleich hell, das Kontrastverhältnis liegt bei etwa 1,1 zu 1. In Graustufen, im grellen Sonnenlicht auf dem Display oder bei den seltenen Formen ohne Farbsehen sind sie kaum noch zu unterscheiden. Das ist unsere eigene Rechnung, keine Studie.

Was heißt doppelte Codierung?
Doppelte Codierung bedeutet: Eine Information steckt in zwei Merkmalen zugleich, zum Beispiel in Farbe und Form. Fällt ein Merkmal aus, trägt das andere. Die internationalen Richtlinien für barrierefreie Webinhalte fordern genau das im Erfolgskriterium 1.4.1: Farbe darf nicht das einzige sichtbare Mittel sein, um eine Information zu vermitteln, zu einer Aktion aufzufordern oder ein Element zu unterscheiden. Ausdrücklich steht dort auch, dass das niemanden vom Einsatz von Farbe abhalten soll (W3C, 2018). Farbe bleibt also erlaubt und hilfreich, sie braucht nur einen Partner.
Ein Detail aus der Forschung lohnt sich trotzdem: Ein zweites Merkmal hilft nicht automatisch. In einer älteren Studie wurden Menschen erst dann schneller, wenn sie die doppelte Codierung tatsächlich nutzten. Wussten sie nichts davon, konnte sie sogar bremsen (Shieh, 1998). Für die Gestaltung heißt das: Das zweite Merkmal muss überall gleich sein, damit Kinder sich darauf verlassen können.
Was Sie tun können
- Spielsteine nach Form wählen. Bei selbst gebastelten Spielen nicht nur rote und grüne Knöpfe nehmen, sondern zum Beispiel runde Knöpfe gegen eckige Bauklötze oder Nudeln.
- Farbnamen ergänzen. Statt „Nimm die grünen“ lieber „Nimm die runden grünen“ oder „Nimm die auf deiner Seite“. Das hilft allen Kindern, nicht nur denen mit Farbsehschwäche.
- Feste Seiten. Bei Spielen zu zweit sitzt jedes Kind auf seiner Seite und legt seine Steine immer dort ab. Die Position ist ein drittes Merkmal, das nichts kostet.
- Arbeitsblätter mit Symbolen. Wo in Heft oder Klasse mit Farben sortiert wird, hilft ein kleines Zeichen daneben: Kreis, Dreieck, Stern.
- Ruhig nachfragen. Verwechselt Ihr Kind immer wieder dieselben Farben, sprechen Sie die Kinderärztin oder den Augenarzt an. Ein Test ist kurz und bei Kindern schon im Kindergartenalter möglich.
Wie wir es in Mengenpiraten gelöst haben
Seit dem Start im August gilt in Mengenpiraten eine feste Regel aus unserem Stil-Guide: Die beiden Seiten werden nie nur über Farbe unterschieden. So sieht das konkret aus:
- Form. Die Goldmünzen sind rund, die Silbermünzen achteckig. Die Kanten sind mit einer dicken dunklen Kontur gezeichnet, damit die Form auch klein gut zu erkennen ist.
- Prägung. In jede Goldmünze ist ein Stern geprägt, in jede Silbermünze ein Anker. Das ist ein drittes Merkmal, das auch bei schlechtem Licht hilft.
- Seite. Auf dem gemeinsamen Brett liegt Gold immer links, Silber immer rechts. Auch in der Übung „Schnelle Beute“ steht Gold links.
- Überall gleich. Rund und achteckig gelten auf dem Brett, im Vorrat und beim Erbeuten. Kinder lernen das Merkmal einmal und können sich danach darauf verlassen.
- Wer dran ist, zeigt ein goldener Ring um das Tierbild des Kindes, dazu stehen Bild und Name über den Satzkarten. Auch das hängt nicht an einer Farbe allein.

Warum Gold und Silber und nicht etwa Rot und Grün? Weil Rot-Grün genau die Kombination ist, die am häufigsten ausfällt, und weil Rot bei uns ohnehin nie eine Fehlerfarbe ist. Mehr dazu im Beitrag Warum Fehler in unseren Apps nicht rot sein sollen. Auch im Elternbereich steht neben jedem Ampelpunkt in Grün, Gelb oder Orange die Prozentzahl, damit niemand den Lernstand an der Farbe ablesen muss.
Zwei Grenzen nennen wir offen. In den Schatztruhen sind die gefüllten Felder nur farbig, alle rund. Jede Truhe trägt aber den Namen des Kindes und den Zählerstand, etwa 7/10. Und in der „Schnellen Beute“ heißen die Antworten „Gold hat mehr als Silber“. Wer die Farben schwer unterscheidet, findet Gold dort an der runden Form und an der linken Seite. Einen eigenen Farbsehschwäche-Modus hat Mengenpiraten nicht. Er ist nicht nötig, weil die Unterscheidung von Anfang an eingebaut ist. Wie das Spiel zu zweit funktioniert, steht im Beitrag Zu zweit an einem iPad. Die App ersetzt keine Untersuchung beim Augenarzt und keine Förderdiagnostik.
Häufige Fragen
Kann mein farbenblindes Kind Mengenpiraten spielen? Ja. Die Seiten unterscheiden sich durch Form, Prägung und Position, nicht nur durch die Farbe. Die Farben selbst sind für das Spiel nicht wichtig.
Sollte ich mein Kind auf Farbsehschwäche testen lassen? Wenn es immer wieder bestimmte Farben verwechselt, ja. Ein Test ist kurz und schon bei Kindern ab etwa vier Jahren möglich (Tang et al., 2022). Sprechen Sie Ihre Kinderärztin oder Ihren Augenarzt an.
Hat ein Kind mit Farbsehschwäche in der Schule Nachteile? Beim Lernen selbst zeigen große Studien keinen Nachteil (Cumberland et al., 2004). Hinderlich ist Material, das nur mit Farben arbeitet. Sagen Sie der Lehrkraft Bescheid, dann kann sie Farben mit Symbolen ergänzen.
Gilt das nur für Jungen? Jungen sind deutlich häufiger betroffen, Mädchen aber auch. In der britischen Kohorte waren es 6,7 Prozent der Jungen und 1,1 Prozent der Mädchen (Cumberland et al., 2004).
Mehr zur App finden Sie auf der Seite zu Mengenpiraten.
Quellen
- Cole, B. L. (2004). The handicap of abnormal colour vision. Clinical and Experimental Optometry, 87(4–5), 258–275. https://doi.org/10.1111/j.1444-0938.2004.tb05056.x
- Cumberland, P., Rahi, J. S. & Peckham, C. S. (2004). Impact of congenital colour vision deficiency on education and unintentional injuries: Findings from the 1958 British birth cohort. BMJ, 329(7474), 1074–1075. https://doi.org/10.1136/bmj.38176.685208.F7
- Kugler, G., ’t Hart, B. M., Kohlbecher, S., Bartl, K., Schumann, F., Einhäuser, W. & Schneider, E. (2015). Visual search in the real world: Color vision deficiency affects peripheral guidance, but leaves foveal verification largely unaffected. Frontiers in Human Neuroscience, 9, 680. https://doi.org/10.3389/fnhum.2015.00680
- Machado, G. M., Oliveira, M. M. & Fernandes, L. A. F. (2009). A physiologically-based model for simulation of color vision deficiency. IEEE Transactions on Visualization and Computer Graphics, 15(6), 1291–1298. https://doi.org/10.1109/TVCG.2009.113
- Ramachandran, N., Wilson, G. A. & Wilson, N. (2014). Is screening for congenital colour vision deficiency in school students worthwhile? A review. Clinical and Experimental Optometry, 97(6), 499–506. https://doi.org/10.1111/cxo.12187
- Shieh, K.-K. (1998). Effectiveness of redundant color coding in multidimensional identification. Perceptual and Motor Skills, 86(2), 615–625. https://doi.org/10.2466/pms.1998.86.2.615
- Tang, T., Álvaro, L., Alvarez, J., Maule, J., Skelton, A., Franklin, A. & Bosten, J. (2022). ColourSpot, a novel gamified tablet-based test for accurate diagnosis of color vision deficiency in young children. Behavior Research Methods, 54(3), 1148–1160. https://doi.org/10.3758/s13428-021-01622-5
- W3C (2018). Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) 2.1, Erfolgskriterium 1.4.1 „Use of Color“, mit Erläuterung „Understanding Success Criterion 1.4.1“. https://www.w3.org/TR/2018/REC-WCAG21-20180605/ · https://www.w3.org/WAI/WCAG21/Understanding/use-of-color.html
Lernwunder-Redaktion · Chaolan Lu
