Kurz gesagt: Dass ein Kind Mitte der ersten Klasse viele Aufgaben noch zählend löst, ist normal. Das sichere Abrufen der Grundaufgaben entwickelt sich über mehrere Schuljahre und ist erst für das Ende der Grundschule als Ziel formuliert. Genauer hinschauen sollten Sie, wenn Ihr Kind ausschließlich alles von 1 an abzählt, sich dabei oft verzählt und über Wochen keine schnelleren Wege dazukommen.

Eine erfundene Szene, wie sie in vielen Familien vorkommt: Ende Februar, die Hausaufgabe heißt 6 + 3. Unter dem Tisch bewegen sich Finger, die Lippen zählen leise mit. Das Ergebnis stimmt. Und trotzdem bleibt bei den Eltern ein ungutes Gefühl: Müsste sie das nicht langsam einfach wissen?

Das Halbjahr ist ein guter Moment für diese Frage. Viele Schulen führen jetzt Lernentwicklungsgespräche, und Sie haben ein halbes Jahr Schule gesehen. In diesem Beitrag geht es darum, was zu diesem Zeitpunkt erwartbar ist und was Sie in den nächsten Wochen tun können.

Was ist Mitte der ersten Klasse normal?

Kinder lösen Plusaufgaben nicht mit einer Strategie, sondern mit einer Mischung: Mal zählen sie alles ab, mal zählen sie vom größeren Summanden weiter, mal leiten sie aus einer bekannten Aufgabe ab, und manche Aufgaben wissen sie einfach. Wie wir im Beitrag zum zählenden Rechnen beschrieben haben, ist Zählen dabei eine Stufe auf dem Weg, kein Fehler.

Wie lange dieser Weg dauert, zeigt eine Längsschnittstudie, die 311 Kinder von der ersten bis zur sechsten Klasse begleitet hat. Die Vorliebe, Aufgaben aus dem Gedächtnis abzurufen, statt sie auszurechnen, wuchs über all diese Jahre langsam an. Wer in der ersten Klasse schon sicher abrufen konnte, bevorzugte das Abrufen in der zweiten Klasse häufiger, und später verstärkten sich Übung und Können gegenseitig (Bailey et al., 2012).

Auch die Bildungsstandards setzen das Ziel nicht in der ersten Klasse an. Dass Kinder die Grundaufgaben des Kopfrechnens, ausdrücklich auch die Zahlzerlegungen und das Einspluseins, „gedächtnismäßig“ beherrschen, beschreiben sie als Kompetenz am Ende der vierten Klasse (KMK, 2022).

Kurz: Ein Kind, das im Februar der ersten Klasse noch viel zählt, ist mitten in einer normalen Entwicklung.

Grafik: Strategiemischung im ersten Schuljahr, schematisch. Vier Strategien liegen nebeneinander: alles zählen, weiterzählen, ableiten (etwa 6 + 4 aus 5 + 5), abrufen. Im Herbst überwiegt Zählen, zur Jahresmitte sind alle vier gemischt, am Ende der Grundschule überwiegt Abrufen. Darunter der Hinweis: Ziel laut Bildungsstandards am Ende von Klasse 4.

Wann lohnt es sich, genauer hinzuschauen?

Nicht ob ein Kind zählt, ist entscheidend, sondern wie. In einer Studie mit Kindern der ersten, dritten und fünften Klasse nutzten Erstklässler mit Rechenschwierigkeiten weniger entwickelte Strategien und machten mehr Fehler als ihre Mitschüler. Die Unterschiede hingen unter anderem mit dem Arbeitsgedächtnis und mit dem Wissen über das Zählen zusammen (Geary et al., 2004).

Hinweise, bei denen Sie aufmerksam werden sollten:

Eher erwartbar Mitte Klasse 1 Lohnt einen genaueren Blick
zählt bei 6 + 3 von 6 aus weiter zählt bei 6 + 3 immer alles von 1 an
verzählt sich manchmal verzählt sich häufig, Ergebnisse schwanken stark
kennt einige Aufgaben auswendig (z. B. 5 + 5) kennt auch 1 + 1 oder 5 + 5 nicht ohne Zählen
sieht kleine Mengen auf einen Blick muss auch drei oder vier Punkte einzeln abzählen
rechnet langsam, aber gern weicht Rechenaufgaben aus, wirkt ängstlich

Wichtig: Eine einzelne Beobachtung sagt wenig. Eine Längsschnittstudie zeigte, dass Kinder, die zu einem Zeitpunkt die Kriterien einer Rechenschwäche erfüllten, sie später nicht selten nicht mehr erfüllten, selbst mit denselben Tests. Die Autorinnen warnen ausdrücklich davor, aus einem einzigen Test eine Diagnose abzuleiten (Mazzocco & Myers, 2003). Was über Wochen gleich bleibt, ist aussagekräftiger als ein schlechter Hausaufgabentag.

Woran man eine Rechenschwäche erkennt und was sie von allgemeinen Rechenschwierigkeiten unterscheidet, haben wir in diesem Beitrag ausführlich erklärt. Eine Diagnose stellen Fachleute, keine App und kein Blogbeitrag.

Was hilft jetzt?

Gute Nachricht: Zählendes Rechnen lässt sich weiterentwickeln, und zwar mit überschaubarem Aufwand. In einer Studie mit Kindern, die Rechenschwierigkeiten hatten, half schon die Vermittlung geschickter Zählstrategien. Am meisten brachte es aber, wenn dazu in jeder Sitzung vier bis sechs Minuten gezieltes Üben dieser Strategien kamen (Fuchs et al., 2010). Die Studie lief als Förderung über 16 Wochen, dreimal pro Woche, für Kinder mit Rechenschwierigkeiten. Das Prinzip lässt sich trotzdem gut übertragen: kurze, regelmäßige, gezielte Übung.

Was Sie tun können

  1. Zwei Wochen beobachten, nicht testen. Fragen Sie bei ein paar Hausaufgaben beiläufig: „Wie hast du das gerechnet?“ Notieren Sie, ob Ihr Kind alles zählt, weiterzählt, ableitet oder weiß. Das ist die beste Grundlage für ein Gespräch mit der Schule.
  2. Weiterzählen vom größeren Summanden. Bei 2 + 7: „Welche Zahl ist größer? Fang dort an.“ Das spart Zählschritte und Fehler.
  3. Eine Zahlbeziehung pro Woche. Zum Beispiel die Partner der 10, dann die Verdopplungen (3 + 3, 4 + 4), dann „Verdopplung plus 1“. Spiele dazu finden Sie in unserem Beitrag Zahlen zerlegen zu Hause.
  4. Mengen strukturiert zeigen. Eierkarton, Zehnerfeld, Finger als ganze Bilder („zeig mir sieben, ohne zu zählen“). Warum die Fünf dabei so hilft, steht im Beitrag zur Kraft der Fünf.
  5. Fünf Minuten statt fünfzig. Lieber täglich kurz als am Wochenende lang. Hören Sie auf, solange es noch Spaß macht.
  6. Mit der Lehrkraft sprechen. Bringen Sie Ihre Notizen mit und fragen Sie: „Wie rechnet mein Kind im Unterricht? Welche Strategie üben Sie gerade? Was können wir zu Hause dazu beitragen?“
  7. Den Druck herausnehmen. Sätze wie „Das musst du doch wissen!“ schaden mehr, als sie nützen. Warum Druck beim Rechnen bremst, haben wir im Beitrag zur Matheangst beschrieben.

Wie Zahlzerlegung dabei helfen kann

Zahlzerlegung übt genau die Zahlbeziehungen, aus denen später das Ableiten und Abrufen wachsen: die Zerlegungen der Zahlen bis 10. Der Ring um das Tangram-Tier läuft fünf Sekunden und zeigt, ob eine Zerlegung schon abgerufen wird. Er bricht aber keine Aufgabe ab: Wer noch zählt, darf zu Ende zählen. Wenn Sie danebensitzen, sehen Sie, welche Zerlegungen schon sitzen und welche noch nicht.

Die App ist ein Übungswerkzeug. Sie stellt keine Diagnose, ersetzt keine Lerntherapie und kein Gespräch mit der Schule. Sie gibt es nur auf Deutsch, für iPhone und iPad.

Häufige Fragen

Mein Kind zählt im Februar der ersten Klasse noch an den Fingern. Ist das ein Problem? In der Regel nicht. Entscheidend ist, ob über die Wochen schnellere Wege dazukommen, etwa Weiterzählen oder Ableiten.

Ab wann sollte ein Kind die Plusaufgaben bis 10 auswendig können? Die Bildungsstandards nennen das sichere Abrufen als Ziel für das Ende der Grundschule (KMK, 2022). Viele Kinder kennen die Aufgaben bis 10 schon deutlich früher, das Tempo ist sehr unterschiedlich.

Soll ich jetzt einen Test machen lassen? Wenn die Hinweise aus der rechten Spalte über Wochen bestehen bleiben, sprechen Sie zuerst mit der Lehrkraft. Ein einzelner Test zu einem einzelnen Zeitpunkt ist nur begrenzt aussagekräftig (Mazzocco & Myers, 2003).

Hilft es, die Finger zu verbieten? Nein. Dann wird nur heimlich gezählt. Besser ist es, schnellere Strategien anzubieten, bis das Zählen von selbst seltener wird.

Quellen

  • Bailey, D. H., Littlefield, A. & Geary, D. C. (2012). The codevelopment of skill at and preference for use of retrieval-based processes for solving addition problems: Individual and sex differences from first to sixth grades. Journal of Experimental Child Psychology, 113(1), 78–92. https://doi.org/10.1016/j.jecp.2012.04.014
  • Fuchs, L. S., Powell, S. R., Seethaler, P. M., Cirino, P. T., Fletcher, J. M., Fuchs, D. & Hamlett, C. L. (2010). The effects of strategic counting instruction, with and without deliberate practice, on number combination skill among students with mathematics difficulties. Learning and Individual Differences, 20(2), 89–100. https://doi.org/10.1016/j.lindif.2009.09.003
  • Geary, D. C., Hoard, M. K., Byrd-Craven, J. & DeSoto, M. C. (2004). Strategy choices in simple and complex addition: Contributions of working memory and counting knowledge for children with mathematical disability. Journal of Experimental Child Psychology, 88(2), 121–151. https://doi.org/10.1016/j.jecp.2004.03.002
  • Kultusministerkonferenz (2022). Bildungsstandards für das Fach Mathematik Primarbereich (Beschluss vom 15.10.2004 i. d. F. vom 23.06.2022). https://www.kmk.org/fileadmin/Dateien/veroeffentlichungen_beschluesse/2022/2022_06_23-Bista-Primarbereich-Mathe.pdf
  • Mazzocco, M. M. M. & Myers, G. F. (2003). Complexities in identifying and defining mathematics learning disability in the primary school-age years. Annals of Dyslexia, 53, 218–253. https://doi.org/10.1007/s11881-003-0011-7

Lernwunder-Redaktion · Chaolan Lu

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